Ärzte Zeitung, 12.12.2007

Schüler stellen sich auf China ein

Pilotprojekt zielt auf eine "zeitgemäße Berufsvorbereitung in einer sich unaufhaltsam globalisierenden Welt"

OBERHAUSEN (dpa). Aus der Bibliothek des Elsa-Brandström-Gymnasiums in Oberhausen dringt Gelächter. Fruchtgummis liegen verstreut auf den Schultischen. "Man legt das eine Stäbchen auf den Ringfinger und klemmt das Ende zwischen Daumen und Hand. Das obere Stäbchen dann wie einen Stift darüber", erklärt Lars Römheld.

Zwei Schüler des Elsa-Brandström-Gymnasiums in Oberhausen üben den richtigen Umgang mit chinesischen Stäbchen.

Foto: dpa

"Können wir nicht einfach Besteck mitnehmen?" Lars Römheld schüttelt schmunzelnd den Kopf: "Die Chinesen halten sehr viel von ihren Stäbchen. Sie sehen diese Esskultur als Kunst an." Römheld weiß, wovon er spricht. Der 17-Jährige hat vor zwei Jahren ein Austauschjahr in Shanghai verbracht und als Gastschüler bei einer chinesischen Familie gelebt. In Oberhausen soll er die eigenen Erfahrungen jetzt weitergeben und die Gymnasiasten auf einen vierwöchigen Aufenthalt in China vorbereiten. Mit dem Abflug von vier Schülern beginnt im Herbst das Projekt "Stiftung Welt: Klasse", das deutschen Jugendlichen erstmals eine interkulturelle Projektarbeit in Schwellen- und Entwicklungsländern ermöglichen soll.

Eine "zeitgemäße Berufsvorbereitung in einer sich unaufhaltsam globalisierenden Welt" nennt der Initiator, Matti Spiecker, das innovative Projekt, für das er unlängst die Treuhandstiftung mit dem ambitionierten Namen "Welt:Klasse" gründete. Umgang mit Komplexität, empathisches, erfahrungsbezogenes Lernen globaler Zusammenhänge und regionaler Unterschiede sowie Persönlichkeitsentwicklung - die Ziele seiner Stiftung sind ehrgeizig, die Idee dahinter fast idealistisch.

Vier Wochen sollen zwölf Schüler der Stufe elf in Vierer-Teams gemeinsam mit Chinesen an einem Wiederaufforstungsprojekt arbeiten und die Kultur kennenlernen. Wohnen werden die Globetrotter in Gastfamilien. Als Mentor steht jedem Schüler ein chinesischer Student zur Seite.

Matti Spiecker ist überzeugt vom Sinn des Pilotprojekts, das zunächst einen Austausch zwischen Oberhausen und China sowie München und Thailand vorsieht. Zu der Projektidee gehört zudem eine intensive Vorbereitung durch die Lehrer und durch Referenten, die Schülern Kultur und Sprache näherbringen. So tief wie möglich in die fremde Kultur eintauchen - das ist die Idee des Studenten. Um das Konzept zu schreiben, hat er die Freiräume für Projektphasen an der Universität Witten/Herdecke genutzt. Teil des Plans sind auch Videokonferenzen, bei denen die Ausreisenden mit den Daheimgebliebenen von China oder Thailand aus über ihre Erfahrungen sprechen können.

Gerade der Austausch mit dem wirtschaftlich immer stärkeren Asien sei wichtig. "Der Ursprung von Rassismus ist Neid, und das nimmt noch höhere Formen an, wenn es eine ganze Nation ist, die wirtschaftlich Erfolg hat", meint der gebürtige Freiburger. Wenn alles gut läuft, will Spiecker das Projekt auf verschiedene Länder und Schulen ausweiten - aber weitere Schritte werden erst geplant, wenn alle Schüler wieder zurück sind.

In der Schulbibliothek ist es nach dem Stäbchen-Training ruhiger geworden. Ein Projektor wirft Zeichnungen mit Alltagssituationen an die Wand. Lars Römheld klickt und erläutert: "Das Konfliktverhalten ist unterschiedlich. Chinesen vermeiden Konflikte, Deutsche sprechen Probleme direkt an." Während die Schüler konzentriert zuhören, erläutert Römheld weitere Stereotype - um einen Kulturschock zu vermeiden. "Mein Tipp ist es aber, nicht zu bewerten, sondern einfach ganz offen zu sein", erklärt er.

Weitere Informationen unter www.stiftung-weltklasse.de

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