Ärzte Zeitung, 15.09.2010

Das Phänomen Schulverweigerer geht auch Ärzte an

Kinder, die nicht in Schule gehen wollen, stammen oft aus Problem-Familien. Spezielle Hilfe bekommen sie in einer Ambulanz für Jugendpsychiatrie in Viersen.

Von Laura Schon

Das Phänomen Schulverweigerer geht auch Ärzte an

Gewalt? Minderjährige Mehrfachtäter sind meist auch Schulverweigerer.

© Bormann / fotolia.com

KÖLN. Nicht jeder Schulverweigerer ist ein Straftäter, aber alle minderjährigen Mehrfachtäter sind Schulverweigerer. Diese These der Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig nimmt eine zentrale Rolle in ihrem Buch "Das Ende der Geduld" ein. Heisig hatte sich Ende Juni das Leben genommen. Das posthum erschienene Buch sorgt für heftige Kontroversen. Dennoch ist Schulverweigerung ein unbestritten ernstes Phänomen, das auch Ärzte etwas angeht. Engagieren sie sich bei Verdacht auf Schulmüdigkeit für ihren jugendlichen Patienten, tragen sie dazu bei, Schlimmeres zu verhindern.

Viele der rund 10 000 Kinder und Jugendlichen, die bundesweit dauerhaft dem Unterricht fern bleiben, stammen aus problematischen Familienverhältnissen. Das macht es umso schwieriger, sie zu erreichen. "Eltern, die wiederholt versuchen, ein gesundes Kind krankschreiben zu lassen, fallen allerdings auf", sagt Dr. Ingo Spitczok von Brisinski, leitender Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Klinik des Landschaftsverbands Rheinland in Viersen.

Die behandelnden Ärzte hätten an dieser Stelle die Möglichkeit, präventiv einzugreifen. "Einige Verweigerer sind zu uns gekommen, weil ihre Ärzte angemessen reagiert und der Familie ins Gewissen geredet haben." Das sei wichtig, denn seiner Erfahrung nach werden die Familien erst aktiv, wenn sie unter Druck geraten.

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Viersen unterhält eine Ambulanz für Schulverweigerer. Sie nimmt jährlich zwischen 50 und 80 Patienten aus dem Raum Viersen auf. Die meisten von ihnen sind Jungen im Alter von elf bis 14 Jahren. "Je länger ein Kind im Unterricht fehlt, desto schlechter werden die Noten", sagt Brisinski. Das steigere die Schulverdrossenheit nur weiter. "Die Schulverweigerer werden von uns deshalb zunächst ambulant betreut." Ein erster Schritt sind Einzel- und Familiengespräche, in denen der Grund für die Verweigerung gesucht und das Vertrauen der Kinder gewonnen werden soll.

"Einige von ihnen leiden unter unentdeckten Krankheiten wie ADHS, ältere Jugendliche konsumieren oft Drogen wie Canabis", sagt Brisinski. In solchen Fällen wird ein Psychiater hinzugezogen, der sie durch die Therapie begleitet. Kinder, die unter Sozialphobien leiden oder gemobbt wurden, hätten oft Angst am Unterricht in ihren Schulen teilzunehmen. Sie besuchen für die Dauer der Therapie die Schule auf dem Klinikgelände in Viersen. Dort sollen sie gemeinsam mit anderen Betroffenen lernen, dass Unterricht auch Spass machen kann.

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