Ärzte Zeitung online, 29.01.2012

Fremdenfeindlich wird man schon als Kind

JENA (dpa). Die Wurzeln für fremdenfeindliche Einstellungen liegen nach Erkenntnissen des Jenaer Psychologen Professor Andreas Beelmann oft schon in der Kindheit. Folglich müssten Präventionsprogramme in Vor- und Grundschule ansetzen,

Eine Auswertung von 113 Studien weltweit habe ergeben, dass Kinder vor allem im Alter von fünf bis sieben Jahren verstärkt ethnische oder nationale Vorurteile entwickeln. Danach ebbe dies häufig wieder ab, sagte Beelmann der Nachrichtenagentur dpa..

Später spiele weniger das Alter als vielmehr das soziale Umfeld wie Freundeskreis und Familie eine größere Rolle, berichtete der Experte. Die Ergebnisse hatten Beelmann und sein Kollege Tobias Raabe auch in der Fachzeitschrift "Child Development" veröffentlicht (Child Development 2011, 82, 6:1715-1737).

Grundschulalter ist "kritische Zeit"

Das Grundschulalter sei deshalb eine kritische Zeit, in der sich Vorurteile festigen können, erklärte Beelmann. "Wenn es keinerlei Kontakt zu sozialen Fremdgruppen gibt, kann man auch keine persönlichen Erfahrungen machen und hält an pauschalen negativen Bewertungen länger fest."

Das erkläre die oft hohe Fremdenfeindlichkeit in Regionen mit wenig Ausländern. Einmal entstandene Vorurteile könnten so auch in späteren Lebensjahren auf hohem Niveau relativ konstant bleiben.

Gerade im Grundschulalter sei es daher wichtig, Kindern Kontakte zu Angehörigen anderer Nationalitäten zu ermöglichen. "Wenn ich einen Freund habe, gehört er zu meiner Identität", erklärte Beelmann. Dann sei die Wahrscheinlichkeit gering, dass ein Kind dessen Ethnie ablehne, weil es dann auch einen Teil seiner selbst ablehne.

Wichtig sei aber, dass bei Präventionsprogrammen nicht nur Kontakte hergestellt, sondern auch gemeinsame Ziele vermittelt werden - etwa über kooperatives Lernen oder gemeinsame Mannschaften im Sport.

Bester Schutz vor Vorurteilen: ausländische Freunde

Auch über indirekte Kontakte oder Geschichten könne Vorurteilen gegen Menschen anderer Herkunft oder Hautfarbe vorgebeugt werden, berichtete Beelmann. Etwa wenn darin ein deutsches und ein russisches Kind gemeinsam Abenteuer erleben.

"Erstaunlicherweise funktioniert das fast genauso gut wie bei echten Kontakten." Aus Studien über längere Zeiträume hinweg sei bekannt, dass es bei Kindern, die mit ausländischen Kindern befreundet sind, extrem unwahrscheinlich sei, dass sie fremdenfeindliche Vorurteile bis hin zum Rechtsextremismus entwickeln.

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