Internisten fordern

Sport als Basis jeder Therapie

Ob bei Herzschwäche oder Adipositas, ob eine Organtransplantation ansteht, eine Krebserkrankung oder COPD vorliegt, ob Patienten 30 oder 90 Jahre alt sind: Mit konsequentem Training lassen sich bei jedem Patienten spürbare Effekte erzielen, betonen Internisten. Sie fordern: Sport müsse fester Bestandteil der Behandlung von Chronikern sein.

Dr. Thomas MeißnerVon Dr. Thomas Meißner Veröffentlicht:
Sport hat positive Effekte für Muskeln und Psyche, betonen Internisten.

Sport hat positive Effekte für Muskeln und Psyche, betonen Internisten.

© sexcamp graphics / fotolia.com

MANNHEIM. "Seitdem ich an dem Trainingsprogramm teilnehme, toleriere ich meine andere Therapie viel besser als vorher." Schon oft hat Professor Martin Halle aus München diesen Satz von Patienten gehört.

Beim DGIM-Kongress hielt der Kardiologe und Sportmediziner ein leidenschaftliches Plädoyer für Training als prinzipiellem Bestandteil der Therapie in der gesamten Inneren Medizin, besonders bei chronischen Krankheiten.

"Wir sind genetisch auf die Optimierung der Muskelfasern programmiert!", so Halle. Die Muskulatur sei von zentraler Bedeutung für die Gesundheit.

"Was ich immer wieder höre ist: Meine Patienten sind dazu zu krank", so Halle. Er widersprach dieser Auffassung ebenso wie Meinungen, es gebe zu alte Patienten.

Ob Herzinsuffizienz oder Adipositas, ob eine Organtransplantation ansteht, eine Krebserkrankung oder COPD vorliegt, ob Patienten 30 oder 90 Jahre alt sind: Selbst wenn mit minimalen Belastungen angefangen wird, werden bei konsequentem Training mess- und spürbare Effekte erreicht.

"Es kommt darauf an, Muskulatur zu aktivieren"

Mehr vom DGIM-Kongress

Weitere Berichte vom Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin in Mannheim finden Sie hier: aerztezeitung.de/dgim2016

Es geht nicht primär darum, aus einem adipösen Menschen einen schlanken zu machen, etwa um sein Diabetesrisiko zu senken: Ein schlanker unfitter Mensch hat ein ebenso großes Risiko für Typ-2-Diabetes wie ein übergewichtiger Mensch mit moderater Fitness. "Es kommt darauf an, Muskulatur zu aktivieren", so Halle.

Er wie auch andere Redner wiesen immer wieder darauf hin, dass eine adäquate Trainingstherapie sicher sei. So führe ein angepasstes Bewegungsprogramm bei Herzinsuffizienz nicht vermehrt zu Rhythmusstörungen oder plötzlichem Tod.

Patienten auf der Transplantationsliste könnten mit einem Trainingsprogramm fit für den Eingriff gemacht werden.

Ebenso wie sie steigerten 80-Jährige, etwa nach kathetergestützter Aortenklappenimplantation, ihre maximale Sauerstoffaufnahmekapazität und profitieren von der Leistungssteigerung.

Für Herzinsuffizienz-Patienten mit erhaltener Ejektionsfraktion gebe es bislang keine Therapie, die prognostisch wirksam sei, erklärte Professor Frank Edelmann aus Berlin - außer Sport.

Damit ließen sich Krankenhausaufenthalte vermeiden, die kardiale, vaskuläre, muskuläre und Lungenfunktion verbessern sowie die Lebensqualität steigern.

Auch psychologische Effekte

Für Brustkrebs-Patientinnen sind bereits Prognose-bessernde Effekte des Sports nachgewiesen worden, erklärte Professor Karen Steindorf, Heidelberg.

Ein Grund dafür könnte sein, dass die vergleichsweise bessere körperliche Verfassung es erst ermöglicht, etwa eine Chemo wie geplant durchzuführen.

Fest steht: Ausdauer, Kraft und Muskelmasse lassen sich auch bei Krebspatienten steigern, die Balance verbessern. "Das klingt trivial. Aber da hängen viele Alltagsfunktionen dran", erklärte Steindorf.

Auch die günstigen psychologischen Effekte seien nicht zu unterschätzen.

"Meine Damen und Herren, Sie sind gefordert", so Halle zu den Zuhörern. Es seien die Ärzte, die die Informationen an Ernährungs- und Bewegungsspezialisten sowie an Psychologen weitergeben und die den Kontakt zu den Patienten haben.

Vom ersten Tag der Diagnosestellung an müsse gegenüber chronisch Kranken das Thema Bewegung und Training thematisiert werden. "Sonst vergeben Sie eine Chance!"

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Kommentare
Dr. Thomas Georg Schätzler 12.04.201623:16 Uhr

"Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube!"

Dass jedes Metabolische Äquivalent (MET) mehr Leistung, das man auf dem Fahrradergometer schafft, die Mortalität um 13% abnehmen lässt, wie eine US-Studie aus dem Jahr 2008 suggerierte, ist sicher wissenschaftlicher Populismus. Dann würden ja 10 MET die Mortalität um 130%, 20 MET die Sterblichkeit gar um 260% sinken lassen?

Wenn allerdings der Zusammenhang – je fitter, umso geringer das Sterberisiko – für alle Menschen gelten soll, egal welche Risikofaktoren oder Vorerkrankungen sie haben, ob sie Raucher oder adipös sind, eine COPD, einen Diabetes oder hohe Cholesterinwerte haben, anderweitig wissenschaftlich seit Jahren belegt und bekannt sein soll, wo sind dann Ergometer, Fitnessräume, "Muckibuden", Sportmediziner in Akut-Kliniken, AHB- und REHA-Einrichtungen, Sanatorien bzw. Hanteln an jedem einzelnen internistischen Krankenbett?

Warum eröffnet kein Gesundheitsminister täglich mindestens eine derartige Einrichtung? Warum gibt es dazu nicht ein einziges Modellprojekt?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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