Ärzte Zeitung, 01.07.2016

DFB-Praxis immer geöffnet

24 Stunden-Versorgung für die EM-Spieler

Wenn die Fans im Fußball der 12. Mann einer Mannschaft sind, dann sind die Ärzte der 13. Ein Team rund um Dr. Müller-Wohlfahrt kümmert sich darum, dass die EM-Fußballer auf den Punkt fit sind. Ein Einblick in ihren Alltag.

Von Klaus Bergmann, Jens Mende und Christian Kunz

24 Stunden-Versorgung für die EM-Spieler

Nationalspieler Jérôme Boateng (links) jubelt gemeinsam mit dem DFB-Ärzteteam, das seine Wadenprobleme kurierte.

© Sven Simon / dpa

ÉVIAN-LES-BAINS. Auch vor dem Viertelfinale gegen Italien ist die medizinische Praxis im Teamhotel an der Avenue du Léman am See gut besucht. Wieder wird die rechte Wade von Jérôme Boateng intensiv behandelt.

Sami Khedira, Mats Hummels und Julian Draxler müssen bis zur Abreise nach Bordeaux am Freitag ebenfalls mehr Zeit mit den Ärzten und Physiotherapeuten verbringen als üblich. Joachim Löw kann trotz der "kleineren Blessuren" bei seinem Personal davon ausgehen, dass er am Samstag gegen den Angstgegner der deutschen Nationalmannschaft seine Wunschelf auf den Rasen schicken kann.

Das Ärzte-Team

Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt: Der Orthopäde ist seit 1995 Mannschaftsarzt des DFB-Teams.

Dr. Josef Schmitt: Seit 1982 ist der Orthopäde und Sportmediziner für den DFB tätig, seit 1996 Arzt der A-Mannschaft.

Professor Tim Meyer: Der Sportmediziner ist seit 2001 Arzt der Nationalmannschaft.

Dr. Jochen Hahne: Der Orthopäde und Unfallchirurg ist 2015 zum Ärzte-Team gestoßen.

Das hängt auch wesentlich mit dem eingespielten Mediziner-Team zusammen. "Mein Vertrauen ist immens groß in unsere Physiotherapeuten und Ärzte", betonte Löw kürzlich im Basisquartier am Genfer See.

Im Hotel Ermitage wurden - wie immer bei Turnieren - gleich mehrere Behandlungsräume eingerichtet. Die vier Ärzte Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, Josef Schmitt, Tim Meyer und Jochen Hahne haben jeder ein Zimmer.

Die Behandlungsplätze der vier Physiotherapeuten sind in einem großen Raum mit Paravents voneinander abgetrennt. "Wir haben eine große Kapazität", berichtete Chef Löw.

Bedeutung enorm gewachsen seit Klinsmann

Seit 2004 Jürgen Klinsmann als Bundestrainer und Löw als dessen Assistent die Leitung der zuvor in der EM-Vorrunde gescheiterten Nationalteams übernommen haben, ist die Bedeutung des gesamten Betreuerstabes enorm gewachsen.

In Frankreich kümmern sich zwölf Spezialisten allein um die körperliche Ertüchtigung, Regeneration und Heilung. Die damals wegen der Übungen mit den Gummibändern und Gewichtsschlitten noch belächelten US-Fitnessexperten sind immer noch dabei.

Jeden Abend kurz vor Mitternacht bittet Löw die Medizin- und Fitnessexperten zur gemeinsamen Runde. Dann wird das besprochen, "was am Tag passiert ist, wie es den Spielern geht und in welchem Zustand sie sind", erzählte der Bundestrainer.

Geschlossen hat die Praxis des Deutschen Fußball-Bundes in Évian-les-Bains praktisch nie. Die Mediziner arbeiten "jeden Tag rund um die Uhr", sagte Löw.

Eingespieltes Team bekommt Sportler auf den Punkt fit

Der große Vorteil des wichtigen Teams hinter dem Team ist, dass die meisten Personen im Betreuerstab schon seit Jahren zu Vertrauten der Spieler und auch des Trainers geworden sind. Der 73 Jahre alte Diagnostik-Fachmann Müller-Wohlfahrt arbeitet seit 1995 als Teamarzt. Physiotherapeut Klaus Eder (62) ist sogar schon seit 1988 dabei. Er hat zwei WM-Triumphe miterlebt.

"Das ist ein sehr eingespieltes Team, alle verstehen sich untereinander bestens", lobte Löw. Vor der WM 2014 hatten die Experten die verletzten Philipp Lahm und Manuel Neuer auf den Punkt fit bekommen. Auch Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira konnten nach langen Pausen in Brasilien im Verlauf des Turniers Schlüsselrollen auf dem Weg zum Titel übernehmen.

Dieses Mal wurden erst die Wade von Hummels und dann die von Boateng rechtzeitig wettkampftauglich "geknetet". Sonst wäre es wohl nicht möglich gewesen, "dass Jérôme gegen die Slowakei gespielt hätte", sagte Löw. Der 27 Jahre alte Abwehrchef ist längst Fan der Mediziner.

Wie viel Einfluss diese auf sportliche Fragen haben, zeigte auch der Fall Marco Reus. Dessen Schambeinentzündung wurde von den Medizinern als Langzeitverletzung eingestuft - für den Dortmunder bedeutete es das schmerzhafte EM-Aus. (dpa)

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