Ärzte Zeitung, 05.09.2016

Ticketverkauf

Werden die Paralympics zur Blamage?

Nach den Spielen ist vor den Spielen: Am Mittwoch starten die Paralympics. Doch Behindertensport scheint in Rio kaum jemanden zu interessieren.

Von Georg Ismar

Werden die Paralympics zur Blamage?

Werden die Paralympics ein Flop in Rio?

© EPA/ENNIO LEANZA / dpa

RIO DE JANEIRO. Philip Craven, Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees, befürchtet für die ersten Olympischen Spiele der Sportler mit Behinderung in Südamerika das Schlimmste. "Noch nie in der 56-jährigen Geschichte der Paralympischen Spiele haben wir so schwierige Rahmenbedingungen erlebt wie hier", sagt er.

Mehr als 4.000 Athleten messen sich ab Mittwoch bei den Paralympics in Rio de Janeiro.

Laut Craven jedoch mit allerhand Hürden: Zuschüsse zu den Reisekosten wurden nicht wie geplant überwiesen, zehn Nationen drohten zeitweise mangels Geld die Spiele zu verpassen. Dazu Budgetkürzungen, weniger Personal und Einschränkungen beim Transportsystem in Rio de Janeiro.

Umbauten laufen noch

Für Craven ist es schon ein Erfolg, dass alle geplanten 22 Sportarten stattfinden könnten. Aber die Frage ist: Werden die notwendigen Umbauten so funktionieren, dass es angemessene Bedingungen gibt? Was wird mit dem Transport, der schon zu Olympia mehr schlecht als recht funktionierte, und mangels Geld bei den Spielen vom 7. bis 18. September ausgedünnt werden soll? Und wird es genug Helfer geben?

Wie bei Olympia wird es vier weit auseinanderliegende Zentren geben mit dem Olympiapark in Barra, in Copacabana, in der Region Maracanã und in Deodoro – aber nicht alle Arenen werden genutzt werden. Über 4000 Sportler aus 165 Ländern werden in Rio um die Medaillen kämpfen.

Schon bei den Olympischen Spielen sprang selten der Funke über, viele Brasilianer interessierten sich kaum für die Spiele. So lief vieles eher nebenbei, die lokale Fußball-Meisterschaft lockte meist mehr Leute in den Bars vor die Bildschirme. Und viele leere Sitze in den Stadien sorgten für Unmut – bei den Paralympics könnte es besonders dramatisch werden.

Kaum Interesse

Erst rund zwölf Prozent der 2,4 Millionen Eintrittskarten sind verkauft. Dadurch fehlt Geld – und bisher ist nicht absehbar, dass das Interesse noch signifikant anziehen wird. In der Stadt wissen viele Bürger gar nicht, dass nach Olympia noch Paralympics kommen.

Die Regierung und die Stadt wollen 250 Millionen Reals (68 Millionen Euro) zusätzlich bereitstellen, um die Finanzlücke zum großen Teil zu schließen. Schon für Olympia musste die Regierung in Brasilia mit einem Notkredit von 800 Millionen Euro helfen. Rio ist fast pleite, wegen der tiefen Rezession im Land kommen die Spiele zur Unzeit.

Craven räumt ein, Brasilien sei von den Bedingungen her ein anderes Land als bei der Vergabe 2009. Aber die Spiele werden erstmals in über 100 Länder übertragen. Eigentlich ein großartiges Werbefenster für den Behindertensport, Rio und Brasilien. Aber schon Olympia und die Negativschlagzeilen bescherten Rio nur bedingt eine Imagewerbung.

Ein Schub für den Behindertensport?

Die heimische Behindertensport-Szene hofft auf einen Schub, gibt es doch bisher kaum professionelle Strukturen. Und im Alltag fehlt eine behindertengerechte Infrastruktur, das fängt bei Höhenunterschieden zwischen Metro und Bahnsteigkante an.

IOC-Präsident Thomas Bach gibt den Optimisten: "Ich hoffe, dass bei den Paralympics etwas Ähnliches passiert wie vor vier Jahren in London, als der Ticketverkauf am Anfang ziemlich schleppend war und dann sehr schnell wuchs mit dem Erfolg der Olympischen Spiele."

Doch damals waren die Olympischen Spiele eben ein Erfolg, die Stimmung war euphorisch – in Rio ist das nicht der Fall. (dpa)

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