Ärzte Zeitung, 22.01.2004

HINTERGRUND

Eishockey ist ein harter Sport, doch zu schweren Verletzungen kommt’s beim Kampf um den Puck selten

Mit Karacho gegen die Bande: harter Kampf um den Puck in einem Spiel der "Hamburg Fresszers" gegen die "Eisbären Berlin". Foto: dpa

Von Ursula Gräfen

Die Spieler fahren mit Karacho ineinander, knallen gegen die Bande, bekämpfen sich in rüden Cross-Checks, bekommen einen Schläger auf den Kopf oder einen Puck ans Bein: Eishockey gilt als eine der härtesten und brutalsten Sportarten überhaupt. Doch so gefährlich wie es aussieht, ist Eishockey gar nicht.

"Als Kontaktsport ist das Eishockey natürlich gefährlicher als etwa das Schwimmen. Aber es ist nicht so verletzungsträchtig, wie es von außen den Anschein hat", bestätigt der Verbandsarzt des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB), Dr. Andreas Gröger, in einem Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

So hart gespielt wird und so brutal es aussieht, Eishockey führe nicht die verschiedenen Verletzungsstatistiken an, sagt auch Professor Bernd M. Kabelka, Teamarzt der "Hamburg Freezers", die momentan in der Eishockey-Liga den dritten Platz in der Tabelle belegen.

Schnelligkeit, Aggressivität, Eisverhältnisse und Ausrüstung bedingten aber ganze spezifische Verletzungsmuster, die Kabelka in einer Mitteilung der Gesellschaft für Orthodädisch-Traumatologische Sportmedizin beschreibt. Etwa 80 Prozent der Verletzungen im Eishockey sind akut, die restlichen 20 Prozent sind Überlastungsschäden.

Am häufigsten sind Schnitt- und Platzwunden am Kopf

Die häufigsten Verletzungen gebe es im Gesicht- und Schädelbereich, so Kabelka (wir berichteten). Meistens sind es Schnitt- oder Platzwunden, die oft vor Ort versorgt, etwa genäht werden können, so daß die Sportler gleich weiterspielen können. "Schwere Schädelhirnverletzungen sind äußerst selten und auf Grund der modernen Helme mit Halb- und Vollvisieren eine Rarität."

Am zweithäufigsten sind Verletzungen der Kniegelenke mit Bänderrissen. Vorwiegend sind es Risse des Innen- und selten des Außenbandes sowie Kreuzbandrisse. Knochenbrüche seien dank der Schienen und der Polsterung im Beinbereich selten geworden, so Kabelka. Häufiger kommt es zu Prellungen durch Puck oder Stock im Bereich des Schuhrandes bis hin zu Brüchen, vor allem des Mittelfußes.

Im Bereich der oberen Extremität stehen Verletzungen der Schultergelenke im Vordergrund. Vor allem kommt es zu Verrenkungen der Schulter und zu Verletzungen der Schultereckgelenke. Unfallursachen sind meistens ein Sturz auf den angelegten Arm oder ein heftiger Anprall an die starre Bande, die das Spielfeld umgrenzt.

Knochenbrüche im Bereich des Schultergelenks und des Schlüsselbeins durch Pucktreffer oder Stockschläge seien deutlich seltener geworden, seit die Spieler Schulterprotektoren tragen, ist Kabelkas Erfahrung. Durch Stockschläge können aber Prellungen der Unterarme und der Hände entstehen. Brüche der Hand oder von Fingern sind selten.

Ein spezifisches Problem des Eishockey-Sports sind Muskelverletzungen durch direkte Pucktreffer oder Stockschläge von Gegnern. Auch durch Ausfallschritte vor allem der Torhüter kann es zu Zerrungen der Adduktoren kommen. Bei Feldspielern dagegen gibt es oft Zerrungen der Oberschenkelmuskulatur, das passiert besonders zu Beginn eines Spiels, wenn die Aufwärmphase zu kurz war.

Wirbelsäulenverletzungen seien selten geworden, so Kabelka. Das liege daran, daß die Regeln streng beachtet würden und daß die Fairness der Spieler zugenommen habe. "Wenngleich es bei brutalen Banden-Checks sogar schon zu Querschnittslähmungen gekommen ist."

Mit der Dauer eines Spiels nimmt die Verletzungshäufigkeit überproportional zu. Eishockey ist ein anstrengender Sport. Kabelka: "Die hohe Spielgeschwindigkeit und der körperliche Kontakt zum Gegner erfordern vom einzelnen Spieler ein hohes Maß an Reaktions- und Kraftschnelligkeit mit der Fähigkeit, schnell zwischen Stop- und Go-Bewegungen zu wechseln, plötzlich abzubremsen, erneut wieder zu beschleunigen und schnelle Richtungswechsel vorzunehmen." Kein Wunder, daß es zu mehr Verletzungen kommt, wenn Kondition und Konzentration nachlassen.

Die meisten Verletzungen durch Einwirkung von Gegnern

Auch wenn Puck, Stock und Bande das Ihre beitragen, die meisten Verletzungen beim Eishockey ereigneten sich durch Einwirkung eines Gegners, ist die Erfahrung von DEB-Arzt Gröger. Aber er relativiert: "Ich würde Eishockey keinesfalls als brutale Sportart bezeichnen." Er glaubt, daß im Profi-Fußball mehr Spieler aufgrund von Verletzungen ausgewechselt werden müssen als im Eishockey. Ein harter Sport also, dieses Eishockey. Aber nicht so gefährlich, wie es wirkt.

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