Ärzte Zeitung, 17.02.2004

HINTERGRUND

Toursieg, Doping, Depressionen - vom einsamen Tod des Marco Pantani

Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft tragen die Leiche Marco Pantanis aus dem Appartementhotel "Le Rose". Der Radsportler starb an Herzversagen. Fotos: dpa

Von Manfred Poser und Pete Smith

Auf die Nachricht vom Tode der italienischen Radsportlegende Marco Pantani hat die Sportwelt mit Fassungslosigkeit reagiert. Die Leiche des 34jährigen war am späten Samstagabend in der Residence "Le Rose", einem Appartementhotel in Rimini, entdeckt worden.

Das Piratentuch war sein Markenzeichen: Der italienische Radprofi Marco Pantani gewann die Tour de France 1998 vor seinem deutschen Konkurrenten Jan Ullrich (hinten).

Nach Angaben des zuständigen Staatsanwalts Paolo Gengarelli lagen neben der Leiche mindestens zehn Medikamentenpackungen, darunter vier verschiedene Antidepressiva. Der mehrfach wegen Dopings angeklagte Radstar litt nicht nur an Depressionen, sondern soll auch drogenabhängig gewesen sein.

Eine Woche vor seinem Tod hatte sich Pantani in Rimini, wenige Kilometer von seiner Heimatstadt Cesenatico, einquartiert. Der Sieger des Giro d'Italia und der Tour de France 1998 war mit 80 Kilogramm übergewichtig (zu seinen besten Zeiten wog er 55), wirkte abwesend, empfing keinen Besuch und aß in seinem Zimmer.

Den Kontakt zu seinen Eltern und seiner Schwester hatte er abgebrochen. Seit er nach Exzessen im Januar an seinem 34. Geburtstag zusammengebrochen war, hatte er sich zurückgezogen. Nach Angaben eines Freundes wurde Pantani am 27. Februar in einer Drogen-Entzugsanstalt in Bolivien erwartet.

Sein Abstieg hatte im Juni 1999 beim Giro d'Italia begonnen, als er wegen eines zu hohen Hämatokritwertes von 52 Prozent (erlaubt sind 50) aus dem schon sicher gewonnen geglaubten Rennen genommen und mit einer 15tägigen "Schutzsperre aus gesundheitlichen Gründen" belegt wurde. Pantani stritt hartnäckig ab, irgendetwas mit Doping zu tun zu haben.

Ein erhöhter Hämatokritwert weist zwar auf die Einnahme des als Dopingmittel verbotenen Peptidhormons Erythropoetin (EPO) hin, ist aber kein sportrechtlich unanfechtbarer Beweis für eine unerlaubte Leistungsmanipulation. Einen EPO-Test gab es damals noch nicht. Eine positive Dopingprobe Pantanis hat es auch später nie gegeben. Gerade deshalb hat sich Pantani in der Öffentlichkeit häufig als Opfer behördlicher Willkür dargestellt.

Nur ein Jahr später wurde das Radsportidol dann doch verurteilt: zu drei Monaten Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe von etwa 600 Euro wegen Sportbetrugs. Dieses Delikt wurde in Italien in den 80er Jahren eingeführt. Grundlage für das Urteil war eine Blutuntersuchung nach einem Sturz Pantanis beim Rennen Mailand-Turin im Oktober 1995.

Damals hatte man bei Pantani einen Hämatokritwert von 60,1 Prozent ermittelt. Das Sportbetrug-Urteil im Indizienprozeß sorgte damals weltweit für Unverständnis und wurde nach einem Prozeßmarathon im Oktober 2003 revidiert.

2001 stand der glatzköpfige Radprofi schließlich erneut im Zentrum eines Dopingskandals. Während des Giro d‘Italia fand die Polizei in seinem Hotelzimmer eine Spritze mit Insulinspuren. Daraufhin wurde er im Juni 2002 von der Disziplinarkommission des Radsportverbandes für acht Monate gesperrt, eine Strafe, die nach mehreren Klagen und Gegenklagen auf sechs Monate plus Geldstrafe verkürzt wurde.

Nur wenige Fans hatten noch an ein Comeback des beliebten Radsportlers, zu dessen Markenzeichen seine Glatze und sein Piratentuch gehörten, geglaubt. Zwar hatte er noch im Mai vergangenen Jahres beim Giro d‘Italia Platz 14 belegt. Doch danach war er wegen seiner Depressionen in einer privaten Klinik behandelt worden.

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