Ärzte Zeitung, 12.03.2004

HINTERGRUND

Weite Sprünge, Sprints und Tore sind auch mit 40 noch drin

Von Sabine Schiner

Fit mit 40: Weitsprung-Spezialistin Heike Drechsler will im Sommer bei den Olympischen Spielen in Athen starten. Foto: dpa

Heike Drechsler hat in ihrer Karriere so ziemlich alles gewonnen, was es in der Weitsprung-Disziplin zu gewinnen gibt. Im Sommer will sie bei den Olympischen Spielen in Athen starten - mit 40. Sie ist keine Ausnahme.

"Immer mehr Leistungssportler werden immer älter, Topleistungen zwischen 30 bis 40 Jahren sind keine Seltenheit mehr", sagt der Sportmediziner Professor Dr. Winfried Kindermann vom Institut für Sport- und Präventivmedizin in Saarbrücken der "Ärzte Zeitung".

"6,80 Meter springe ich immer, wenn ich fit bin, und damit kann man eine Medaille gewinnen", sagt Drechsler. Betrachtet man ihre Ergebnisse, schließen sich hohes Alter und Top-Leistung nicht aus.

Noch vor vier Jahren holte die Sportlerin eine Goldmedaille in Sydney, 2001 gewann sie den Europacup, 2002 wurde sie bei der Europameisterschaft fünfte. "Die Zeit, in der sportliche Höchstleistungen möglich sind, hat sich ebenso verlängert wie die Lebenserwartung", sagt der Chefarzt der deutschen Olympiamannschaft.

Mit 42 die Sprints bei Olympia im Blick

Beispiele gibt es viele. In diesem Winter sorgte ein Duo auf Kufen für Schlagzeilen: Christoph Langen (40) und Anschieber Markus Zimmermann (39) fuhren bei der Weltmeisterschaft in Königssee auf Platz zwei. Rennrodler Georg Hackl (37) war in dieser Saison ebenfalls erfolgreich. Er schmiedet Pläne für die Olympischen Winterspiele 2006 in Turin - trotz seiner Arthrose.

Und auch die jamaikanische Athletin Merlene Ottey (42) hat noch nicht genug. Vor zwei Jahren sprintete sie 100 Meter in 10,99 Sekunden, nun peilt sie die Spiele in Athen an. Eventuell trifft sie dort auch auf Gail Devers (37): Die US-Sportlerin hat gerade bei der Hallen-WM in Budapest zum dritten Mal den Titel über 60 Meter Sprint geholt.

Dehnungsübungen beim Zähneputzen

Ein Grund für den Durchhaltewillen der Sportler über 35 mag die zunehmende Kommerzialisierung des Hochleistungssportes sein. "Je mehr Geld zu verdienen ist, um so verlockender ist es, das Karriereende hinaus zu schieben", sagt Kindermann. Nach seinen Erfahrungen leben ältere Sportler oft auch gesundheitsbewußter als jüngere. "Sie haben die Erfahrung gemacht, daß der Körper mit zunehmenden Alter verschiedene Sünden des täglichen Lebens weniger gut verträgt."

Sie achten auf eine ausgewogene Ernährung, gehen regelmäßig zu Medizin-Checks. Der Fußballer Lothar Matthäus - er hatte sich 1998 mit 37 nach einem Kreuzband- und Achillessehnenriß einen Platz in der Nationalelf gesichert - lockerte angeblich schon morgens beim Zähneputzen mit Dehnungsübungen Muskeln und Sehnen.

Auch die Fortschritte in der Medizin haben Auswirkungen auf den Spitzensport. Dank der verbesserten Diagnostik, etwa mit Ultraschall und Kernspintomographie, können verletzte Sportler gezielt behandelt werden. "Neue Op-Techniken und Reha-Maßnahmen verkürzen die Ausfallszeiten. Durch eine wissenschaftliche Begleitung des Trainings kann dieses auch besser dosiert werden. Überbelastungen werden so vermieden", sagt Kindermann.

Für den Mediziner sind nicht die Gene der Grund für das immer höhere Leistungsalter. "Sportler mit günstigen genetischen Voraussetzungen gab es schon immer. Es kommt mehr auf die Sportarten an." In koordinativ anspruchsvollen Disziplinen wie in den Wurf- und Stoßdisziplinen sind die Sportler meist etwas älter. Bei den Olympischen Spielen in Sydney war der Hammerwerfer Jud Logan mit 41 der älteste US-Teilnehmer. Bei den Kurzstrecken der Leichtathletik liegt das Hochleistungsalter im Mittel niedriger als in Ausdauersportarten. Schnelligkeit und anaerobe Leistungsfähigkeit lassen eher nach als das aerobe Leistungsvermögen.

"Die Erfolgsformel für alte Sportler könnte lauten: Erfahrung gepaart mit Fitneß", sagt Kindermann. Doch irgendwann ist Schluß. Beim Start in Königssee brauchte das Bob-Duo Langen und Zimmermann ein paar Hundertstel länger als die jüngeren Rivalen. "An den Startzeiten sieht man, daß ich meinen Zenit schon überschritten habe", sagt Langen. "Es geht bergab. Das weiß ich auch."

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