Ärzte Zeitung, 20.07.2004

HINTERGRUND

Im Moveguard-Projekt kommen Übergewichtige auf die Beine, und das Fett verschwindet von den Rippen

Von Ruth Ney

Sport macht Spaß - auch mit ein paar Pfunden zuviel. Das gelingt vor allem mit der richtigen Motivation. Foto: dpa

"Sport ist ein sehr vernünftiger Versuch des modernen Zivilisations-Menschen, sich Strapazen künstlich zu verschaffen", hat sich einst Peter Bamm augenzwinkernd geäußert. Daß regelmäßige Bewegung nicht nur vernünftig ist, sondern daß die Strapazen auch Spaß machen - selbst übergewichtigen Sportmuffeln -, das will die Deutsche Sporthochschule (DSHS) Köln mit ihrem aktuellen Projekt "Moveguard" belegen.

Realisiert werden soll dieses ehrgeizige Ziel durch eine enge individuelle Betreuung der übergewichtigen Teilnehmer, wie Jochem Moos von der DSHS zur "Ärzte Zeitung" sagte. "Wir setzen gezielt auf Sport, weil wir bei der Projektvorbereitung herausgefunden haben, daß Übergewichtige offenbar keine Lust mehr auf Diäten haben." Wichtig sei es daher, Spaß an Bewegung zu vermitteln.

Moos: "Man muß nicht eine halbe Stunde durch den Wald rennen, total k.o. sein und dann sagen: Sport ist Mord. Mit der passenden Intensität können sich auch Leute, die sich als absolut unfit bezeichnen, eine dreiviertel Stunde mit Spaß bewegen."

Gute Fettverbrennung hängt von der richtigen Belastung ab

Um die passende Belastungsintensität zu finden, wird zunächst jeder Teilnehmer mit einem BMI über 25 eingehend sportmedizinisch untersucht. Dabei werden der Grundumsatz und - unter Belastung - der Arbeitsumsatz per Spirometrie über den respiratorischen Quotienten ermittelt. So läßt sich auch der Kalorienverbrauch beim Sport abschätzen.

Außerdem werden ein EKG und ein Blutbild gemacht. Beim Belastungstest auf dem Laufband (Steigerung um jeweils 0,5 Meter pro Sekunde) wie auch - etwa 45 Minuten später - auf dem Fahrrad (in 25-Watt-Schritten) werden zudem Laktatgehalt im Blut, Herzfrequenz und Blutdruck gemessen.

Moos: "Der zweifache Test ist sinnvoll, weil wir gerade bei Übergewichtigen große Differenzen in der Belastbarkeit je nach Betätigung finden." So wird auf dem Fahrrad ein Großteil des Gewichtes getragen und es ist eine andere Kraftentwicklung möglich. Da nur bis zu einer moderaten Ausbelastung (respiratorischer Quotient über 1,0) getestet werde und gerade auf dem Laufband nur wenige Stufen geschafft würden, könne problemlos nach kurzer Regeneration der Fahrrad-Belastungstest stattfinden.

Jedem Teilnehmer steht ein persönlicher Trainer zur Seite

Aufgrund vor allem der dabei ermittelten Blut-Laktatwerte - erreicht werden soll ein Mindestwert von 2 mmol/ml - wird dann für jeden Teilnehmer der für eine gute Fettverbrennung sinnvolle Ziel-Herzfrequenzbereich festgelegt. "Beim Sport kann dann jeder auf dem Herzfrequenzmesser, der ihm zur Verfügung gestellt wird, kontrollieren, ob er sich etwas bremsen oder mehr spurten soll", so Moos. "Denn je nach Tagesform weicht die subjektiv empfundene körperliche Belastung stark von der tatsächlichen Belastung ab."

Angeboten werden Ausdauer- und Trendsportarten wie Aquajogging, Fahrradfahren/Biken, Inline Skating/Nordic Blading (Skaten mit Stöcken), Jogging/Running (schnelles Laufen), Schwimmen oder Walking/Nordic Walking. Je nach Vorliebe soll dann regelmäßig trainiert werden, das heißt dreimal pro Woche für insgesamt mindestens 90 Minuten.

Damit das alles auch klappt, steht jedem Teilnehmer ein persönlicher Trainer zur Seite, der die richtig Technik vermittelt und mit dem dann oft gemeinsam trainiert wird. Außerdem steht er für Fragen und Probleme telefonisch oder per E-Mail zur Verfügung.

Umgekehrt nimmt der Trainer auch einmal pro Woche den Kontakt auf, wenn der Teilnehmer sich nicht selbst meldet. Jeder Teilnehmer führt zudem ein Trainingsprotokoll, und der Herzfrequenzmesser zeichnet die Werte im Fünf-Sekundentakt auf. Diese Daten werden wöchentlich mit dem Trainer ausgetauscht und diskutiert. Nach einem halben Jahr gibt es dann eine Abschlußuntersuchung. "Anschließend bieten wir auch ein Follow-up mit lockerer Betreuung an", plant Moos.

Wer mitmacht, bekommt auch eine Ernährungsberatung

Derzeit haben sich mehr als 20 übergewichtige Teilnehmer für das Projekt gemeldet, Männer und Frauen im Alter bis zu 65 Jahren, die überwiegend Sportneu- oder Wiedereinsteiger sind. Sie erhalten zusätzlich zum Sportprogramm auch eine persönliche Ernährungsberatung. Kosten insgesamt: 650 Euro für ein halbes Jahr.

"Leider lehnen die Krankenkassen bisher eine Kostenbeteiligung ab", so Moos. Dabei funktioniert das intensive Betreunngs-Konzept gut, wie die Kölner Sportwissenschaftler in einer Pilotstudie bei 20 Übergewichtigen über ein Jahr festgestellt haben. In dieser Zeit konnte bei den Teilnehmern die Leistungsfähigkeit deutlich gesteigert und das Körpergewicht erheblich reduziert werden.

Infos zum Programm gibt es auch per E-Mail: moveguard@dshs-koeln.de

STICHWORT

Respiratorischer Quotient

Der respiratorische Quotient (RQ) ist definiert als das Verhältnis von abgegebenem Kohlendioxid (Zähler) zu aufgenommenem Sauerstoff (Nenner). Der Ruhenormwert bei gemischter Kost beträgt 0,82. Mit dem RQ läßt sich der Bereich herauslesen, in dem der Organismus größtenteils mit Sauerstoff arbeitet und aus welchem Stoffwechsel die Energie für die Muskelkontraktion gewonnen wird.

Liegt der RQ-Wert unter 1, wird mehr Sauerstoff aufgenommen als CO2 abgegeben. Vor allem bei Werten zwischen 0,75 und 0,80 wird die Energie vorrangig aus dem aeroben Fettstoffwechsel gewonnen - was bei einer Gewichtsreduktion erwünscht ist. Liegt der RQ-Wert über 1, wird mehr CO2 abgegeben als Sauerstoff aufgenommen, der anaerobe Energiestoffwechsel ist also dominant.

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