Ärzte Zeitung, 26.08.2004

Behandlung während des Wettkampfs - dann stehen auch Ärzte im Rampenlicht

Verletzungsprobleme bei einigen deutschen Sportlern / 26 deutsche Ärzte vor Ort

Perfekter Vorlauf: Hürdensprinterin Kirsten Bolm (rechts mit Reina Flor Okori aus Frankreich). Foto: dpa

Verletzungs-Aus im Halbfinale: Kirsten Bolm wird noch auf der Bahn behandelt. Foto: ddp

"Solche Schmerzen hatte ich noch nie", weinte die deutsche Hürdensprinterin Kirsten Bolm. Die Mannheimerin mußte ihr Rennen im Halbfinale über 100 Meter Hürden verletzt abbrechen. Noch auf der Bahn mußte sie wegen einer Zerrung im linken Oberschenkel behandelt werden. Den Oberschenkel dick verbunden und mit einem Eisbeutel gekühlt, wurde sie danach gleich in einer Klinik gebracht.

Wegen einer Verletzung aufgeben mußten schon einige deutsche Athleten in Athen. Prominentester ist wohl der fünfmalige Weltmeister im Diskus-Werfen: Lars Riedel hat eine Adduktorenverletzung. Bis gestern blieben allein zehn der nominierten 79 deutschen Leichtathleten wegen neuer und alter Verletzungen auf der Strecke. Die deutschen Mannschaftsärzte haben also viel zu tun bei diesen Olympischen Spielen.

26 Ärzte und 40 Physiotherapeuten gehören der medizinischen Abteilung in Athen an. Medizinischer Leiter und Chefarzt ist wieder Professor Wilfried Kindermann aus Saarbrücken. Die Apotheke und die medizinisch-technische Ausstattung wird koordiniert von Dr. Georg Huber aus Freiburg, unterstützt von Markus Scherer aus Bahlingen. Zur Ausstattung gehören etwa Ultraschall- und EKG-Geräte sowie Lungenfunktionseinheiten. Im Olympischen Dorf gibt es außerdem eine gut ausgestattete Poliklinik.

In Athen stehen die Ärzte wie die Athleten unter besonderem Streß, vor allem, wenn sie bei akuten Problemen während eines Wettkampfs helfen müssen. "Eine Verletzung vor laufenden Kameras mit ausbleibender oder mangelhafter medizinischer Primärversorgung stellt heutzutage für jeden Zuschauer eine offensichtliche Katastrophe dar", sagt etwa Dr. Karl-Heinz Kristen von der Orthopädischen Abteilung des Donauspitals in Wien in einer Mitteilung der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS). Dann stehen die Ärzte wie ihre Patienten im Rampenlicht der ganzen Welt.

Es mache die Arbeit leichter vor den Kameras, wenn die Teamärzte die Athleten und ihre persönlichen Schwachstellen bereits vor den Wettkämpfen gut kennen und auch wissen, welche Medikamente sie nehmen, so Kristen. Denn dann können sie in Krisensituationen - "und Verletzungen sind Krisensituationen", betont der Wiener Orthopäde - rasch eine optimale Strategie entwickeln.

Das hat sich auch beim deutschen Team in Athen ausgezahlt. Denn viele Sportler, vor allem bei den Leichtathleten, haben bereits seit längerem mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Auch Diskus-König Lars Riedel war nicht fit zu den Olympischen Spielen gekommen. Seit drei Monaten plagt ihn eine Adduktoren- und Schambeinentzündung, und er mußte mit Kortison behandelt werden. Aber dann sei es ihm wieder gut gegangen, und daß die Verletzung in diesem Ausmaß wieder aufbricht, sei nicht vorherzusehen gewesen, so Rüdiger Nickel, Verbandspräsident im Deutschen Leichtathletik-Verband in Athen. Jetzt steht Riedel wohl vor dem Aus seiner Karriere. (ug)

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