Ärzte Zeitung, 16.09.2004

HINTERGRUND

Wenn Hausärzte ihre Patienten zu mehr Bewegung motivieren wollen, sollten sie ihnen kleine Ziele setzen

Von Thomas Meißner

Das empfinden viele Ärzte als frustrierend: Nach dem Herzinfarkt wird weitergeschlemmt und der Aufzug in den zweiten Stock benutzt. Trotz chronischer Bronchitis wird nach der Krankenhaus-Entlassung weiter geraucht, und Bewegung findet nur auf der Mattscheibe statt.

Schon die geringste Bewegung hat - regelmäßig ausgeübt - positive Effekte. Entsprechende Erfahrungen von Übungsleitern haben Studien bestätigt. Foto: Klaro

"Es ist so schwer, die Patienten dazu zu bringen, sich ein wenig zu bewegen", klagte ein niedergelassener Arzt bei einer Podiumsdiskussion zum Thema "Präventiver und rehabilitativer Sport" im hessischen Bad Nauheim. Über eines waren sich die Teilnehmer der Diskussionsrunde einig: Motivation zu Bewegung oder gar Sport funktioniert meist nicht über die Werbung mit den positiven Effekten oder über das Aufbauen eine Drohkulisse.

  Integration in Sportgruppe trägt zum Erfolg bei.

Außerdem sei es schlicht falsch, einem herzgeschädigten Patienten zu sagen: "Treiben Sie Sport, denn Sport ist gesund!", so Professor Ingeborg Siegfried von der Gesellschaft für Prävention und Rehabilitation von Herz-Kreislauferkrankungen in Hessen e.V. Es bedürfe stets einer individuellen Anleitung, Überlastung müsse ebenfalls vermieden werden.

Zweifellos ist es richtig, wenn mit Verweis auf Studien etwa argumentiert wird, für ein Herzkreislauf-Training brauche es mindestens zwei Trainingseinheiten pro Woche à 20 Minuten mit einer Belastung von 65 bis 70 Prozent der maximalen Leistung, um überhaupt Effekte zu erzielen. In der Praxis kommt man mit Zahlen und Daten nicht weit.

"Ich kenne Frauen, die vor zehn Jahren in die Herzsportgruppe kamen, kaum leistungsfähig waren und sehr sehr kleine Trainingseinheiten absolviert haben, dies aber beständig", berichtet Siegfried. Auf Dauer habe sich das für die Frauen ausgezahlt. Einige Übungsleiter in der Diskussionsrunde nicken - sie können diese Erfahrung bestätigen. Und die Statistiker ebenfalls, denn auch Studien haben eine klare Dosis-Wirkungsbeziehung beim Herzsport ergeben.

"Jede Kalorie, die mehr verbraucht wird, ist positiv", heißt also das Motto und "An den Sport heranführen ohne zu frustrieren". Freude an der Bewegung steht an erster Stelle, Gesundheitsaspekte sind nur Zugabe. Erste Motivationshinweise ergibt die Anamnese. So haben viele Männer früher mal Fußball gespielt. Daran kann man im Gespräch anknüpfen. Welche Art von Bewegung würde denn am meisten Spaß machen? Erreichbare Ziele sollten gesetzt werden, etwa ein täglicher Spaziergang, der allmählich ausgedehnt wird. Mit einem Schrittzähler lassen sich die Fortschritte dokumentieren und der Patient weiter motivieren.

"Viele Patienten können sich oft nicht vorstellen, was alles möglich ist", sagt Dr. Matthias Nöhte von der Universitätsklinik in Gießen. Ideal ist es daher, wenn Patienten in der Rehabilitation zunächst unter täglicher Anleitung erste positive Erfahrungen mit Bewegung und Sport machen können, die später zu individuellen Konsequenzen führen. Die Freude an der Bewegung muß im Mittelpunkt stehen. Geht es um eine Gewichtsreduktion, kann die initiale Gewichtsabnahme von ein paar Kilo in der Reha-Einrichtung der Motivator sein. Das Wort "Diät" und der tägliche Blick auf die Waage sind dagegen eher demotivierend. Und doch: Auch regelmäßige Bewegung, ohne daß die Pfunde purzeln, bringt etwas.

Ganz wichtig, um erste Erfolge in der Fitness oder beim Abnehmen auch zu beibehalten zu können, sei die Integration in Selbsthilfe- oder kleine Sportgruppen, hieß es. Die soziale Komponente der regelmäßigen Treffen sei als Motivator nicht zu unterschätzen. Ist es für Patienten in großen Städten oft kein Problem, Anschluß an eine Reha-Sportgruppe zu finden, sehe es vor allem in ländlichen Regionen ganz anders aus, berichtet Heinz Wagner vom Hessischen Behinderten- und Rehabilitationssportverband (HBRS). Daher wolle man dort verstärkt Werbung bei Ärzten für eine Ausbildung zum Übungsleiter für Rehasport machen.

Man sei sich bewußt, daß gerade auf dem Lande die Ärzte oft überlastet sind. Da falle es manchmal schwer, abends in der Turnhalle noch ein oder zwei Reha-Sportgruppen zu betreuen, so Wagner. Die Ausbildung ist mit 160 Stunden für den Fachbereich "Innere Organe" und 120 Stunden für den Bereich "Stütz- und Bewegungsapparat" auch nicht gerade kurz. Andererseits soll es ja auch unter Ärzten gewisse Gesundheitsrisiken geben. "Macht selber mit, Euch tut es auch gut", ruft Ingeborg Siegfried daher ihren Kollegen zu. Und die Absolvierung weiterer 16 Übungseinheiten alle zwei Jahre inklusive eines Reanimationstrainings halten einen auch notfallmedizinisch auf dem Laufenden.

Weitere Informationen finden Sie im Internet unter www.hbrs.de

STICHWORT

"Sport pro Reha"

Sportangebote zur Prävention oder zur Rehabilitation bei Erkrankungen der inneren Organe sowie orthopädischen oder neurologischen Krankheiten werden von der Landesärztekammer Hessen und weiteren Verbänden seit 2002 mit dem Qualitätssiegel "Sport pro Reha" ausgezeichnet. Dieses ist an bestimmte Bedingungen geknüpft und zwei Jahre lang gültig. Ausgezeichnet werden ausschließlich Angebote, die durch die Kostenträger anerkannt sind. Damit soll der Zugang für Patienten zu speziellen qualitätsgeprüften Angeboten erleichtert werden. (ner)

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