Ärzte Zeitung, 27.09.2004

HINTERGRUND

Sportler mit vorderem Knieschmerz brauchen selten eine Op, aber immer einen starken Quadriceps

Von Thomas Meißner

Die meisten Sportler mit patellofemoralem Schmerzsyndrom können erfolgreich konservativ behandelt werden. Voraussetzung ist, daß die auslösenden Faktoren per Anamnese und genauer klinischer Untersuchung identifiziert worden sind.

Das jedenfalls ist die Erfahrung von Professor Michele LaBotz von der University of Hawaii in Honolulu. Chirurgische Maßnahmen wie das arthroskopisch ausgeführte "Lateral Release", eine Inzision des lateralen Retinakulums der Patella, seien nur selten erforderlich. Allerdings müsse man die Betroffenen von vornherein darauf aufmerksam machen, daß die Beschwerden meist nur allmählich verschwinden und die Rehabilitation unter Umständen einige Monate in Anspruch nehme, so LaBotz in der Zeitschrift "The Physician and Sportsmedicine" (32, 2004, 22).

Das bedeute meist keine vollständige Unterbrechung des geliebten Sports. Die Intensität müsse jedoch reduziert, das Training umgestellt werden. Den Sportlern sollte klar sein: Je länger sie unter Schmerzen trainieren, desto länger werden sie brauchen, um sich vollständig zu erholen.

Zunächst ist es wichtig, größere Schäden des Knies auszuschließen, etwa Meniskus-Verletzungen, eine peripatellare Tendinitis oder eine Bursitis. Das patellofemorale Schmerzsyndrom sei eine Ausschlußdiagnose, betont LaBotz. Die Ursachen sind nach allgemeiner Ansicht multifaktoriell.

Sie können mit plötzlich veränderten Trainingsbedingungen (Trainings-Terrain, Berge, Treppenlaufen) zusammenhängen, mit anatomischen Besonderheiten (Genu varus, hypermobile Patella, verkürztes laterales Retinakulum) oder Überlastung bestimmter Gelenkabschnitte durch Trainingsfehler. All dies sollte mit einer detaillierten Befragung und Untersuchung des Knies geklärt werden.

Junge Patienten haben eine hohe Rate an Spontanheilungen

Besonders bei jungen Patienten mit unilateralen Beschwerden gibt es nach Angaben von LaBotz eine hohe Rate an Spontanheilungen. Der erste Behandlungsschritt ist die Schmerzlinderung plus Reduktion der begleitenden Entzündung. Dies geschieht mit häufigen Eis-Applikationen für je 15 bis 20 Minuten, vor allem nach sportlicher Aktivität. Vorübergehend können nicht-steroidale Antirheumatika verabreicht werden.

Die Sportler sollten angehalten werden, schmerzfreie Aktivitäten und ein aerobes Muskeltraining beizubehalten. "Den Patienten geht es oft schon besser, wenn sie die Trainingsaktivität um etwa 50 Prozent reduzieren", so LaBotz. Tolerierten die Patienten keine Aktivitäten, sei eine Ruheperiode von acht Wochen ratsam, so lange, bis den Alltagsaktivitäten wieder schmerzfrei nachgegangen werden kann. Viele Läufer tolerieren Schwimmen und angemessenes Fahrradfahren (Sitz möglichst hochstellen!) zum Ausgleich. Vermieden werden sollten natürlich Stepping-Trainingsgeräte, langes Hocken oder das Überschlagen der Beine im Sitzen.

Eine Schlüsselkomponente auch für die Langzeitprognose ist ein starker Quadriceps, der mit spezifischen Übungen trainiert werden kann, ohne das Knie zu belasten, etwa gestrecktes Anheben des Beines in liegender Position. Der Quadriceps zählt auch zu den sogenannten äußeren Hüftrotatoren, deren Bedeutung für Knie-Beschwerden, aber auch im Bereich der Lendenwirbelsäule gern übersehen werden.

Athleten mit patellofemoralem Syndrom und schwachen externen Hüftrotatoren (Quadriceps femoris, Psoas major, Iliacus, Sartorius, Gluteus maximus und medius u.a.m.) profitieren von einem Training dieser Muskelgruppe. Hinzu kommt das Stretching des Iliotibial-Traktes, des Quadriceps, der ischiokruralen und Waden-Muskulatur sowie des lateralen Retinakulums des Knies.

Sollte ein entsprechendes Übungsprogramm für zu Hause nach zwei bis vier Wochen noch nicht zu einer allmählichen Linderung der Beschwerden führen, ist nach Ansicht von LaBotz die Behandlung unter engmaschiger physiotherapeutischer Anleitung erforderlich.

Bei Beinlängen-Differenzen sind Absatzerhöhungen sinnvoll

Für die Anwendung orthopädischer Hilfsmittel gibt es keine konsistenten Daten aus Studien. Tape- und Stützverbände oder Orthesen werden teilweise als hilfreich beschrieben. Doch gebe es keinen Hinweis darauf, daß bestimmte Hilfsmittel besonders gut wirksam wären, so LaBotz. Bei Patienten mit Beinlängen-Differenzen oder mit Genu recurvatum können Absatzerhöhungen sinnvoll sein.

Kann die Trainingsintensität nach erfolgreicher Therapie wieder gesteigert werden, sollte das allmählich, etwa in Zehn-Prozent-Schritten, erfolgen. Stellen sich wieder Beschwerden ein, rät LaBotz bereits bei ersten Anzeichen zu Eis, NSAR und gegebenenfalls Stützverband oder Orthese.

FAZIT

Bei Sportlern mit patellofemoralem Schmerzsyndrom ist eine intensive konservative Therapie meist erfolgreich. Chirurgische Eingriffe sind nur selten indiziert. Mehrere Wochen lang sollte weniger trainiert werden; Schwimmen und Radfahren sind ein guter Ausgleich. Für die Langzeitprognose der Patienten ist besonders die Kräftigung der Quadriceps- und Hüftrotatoren-Muskulatur wichtig. (ner)

Weitere Infos auch zu den von LaBotz empfohlenen Übungen gibt es unter: www.physsportsmed.com, in die Suchmaschine (search) LaBotz eingeben.

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