Ärzte Zeitung, 04.04.2005

"Kompetente Sportmedizin ist kein hohler Zauber"

Internist macht Mut zum sportmedizinischen Igeln / Ein Beispiel: Ärzte kooperieren mit Inhabern von Fitness-Studios

WIESBADEN (mal). Die Chancen, die sportmedizinische Untersuchungen und Beratungen als IGeL-Angebot in der Praxis bieten, in Zukunft stärker als bisher zu nutzen - dazu hat Dr. Wolfgang Grebe aus Frankenberg beim Internisten-Kongreß in Wiesbaden aufgerufen.

"Wir wollen den wissenschaftlichen Ansprüchen genügen", sagt Grebe. Deshalb sei es nicht einfach, den Schwung zum Igeln zu finden, "da Sie alle tagtäglich lesen können, daß Igeln etwas mit Abzocken zu tun haben soll", so der Internist und Sportmediziner bei einem Vorsymposium am Samstag. "Aber hier geht es um Dinge, die sinnvoll sind, die von den Patienten nachgefragt werden, und die ich mit meiner Ethik und Seriosität auch unterstützen kann, sie außerhalb der GKV anzubieten."

Wie erfolgreiches sportmedizinisches Igeln aussehen kann, hat Grebe anhand eines Beispiels aus seinem Wohnort Frankenberg in Nordhessen deutlich gemacht. Dort besteht eine enge, vertragliche Zusammenarbeit zwischen Ärzten und dem Inhaber eines Fitness-Studios.

Jeder Kunde des Studios erhalte zum Beginn des Trainings und dann jedes halbe Jahr eine sportmedizinische Untersuchung und Beratung durch einen Arzt vor Ort, wobei Inhalt des Sportchecks und Honorierung (80 EUR, nach GOÄ liege die Spanne zwischen 61 und 130 Euro, so Grebe) von der Ärzteschaft vor Ort festgelegt worden seien. Das Fitness-Studio überweist am Monatsende jedem Arzt, der einen Sportcheck gemacht hat, die 80 EUR.

Im Gegenzug erfüllt das Studio offiziell den Qualitätsanspruch des dortigen Ärztenetzes, der Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Hausärzte e.V., dem alle 40 Hausärzte - hausärztlich tätige Internisten eingeschlossen - des Ortes und des Umfeldes angehören, wie Grebe berichtet hat. Außerdem werde dem Studio für jeden Klienten nach dem Sportcheck ein Bericht angefertigt, der etwa Informationen zur möglichen fahrradergometrischen Belastung im kommenden halben Jahr enthält.

"Der Nutzen war immens", so Grebe. "Es hat zwar auch einige Kunden gegeben, die unter Absingen schmutziger Lieder eben dieses Studio verlassen haben, weil der Monatsbeitrag etwa 15 Prozent höher war als der anderer Studios, aber mittlerweile hat es sich herumgesprochen, daß durch die Kooperation die Qualität, die Effizienz und die Kompetenz dort eben viel höher sind." "In manchen anderen Fitness-Studios wird teilweise kardialer Rehabilitations-Sport mit Geräten gemacht, die bei 125 Watt anfangen", so die negative Erfahrung von Grebe.

Effiziente und kompetente sportmedizinische IGeL-Angebote seien kein "hohler Zauber, sondern vernünftige Medizin". Grebe: "Man sollte vor Zweifeln gefeit sein sein: Wer gute Sportmedizin rüberbringt, darf auch ein paar Mark dafür verdienen."

Eine andere Option für Kollegen, sich sportmedizinisch zu engagieren, ist die Organisation und Betreuung ambulanter Herzsport-Gruppen. Davon gibt es in Deutschland noch immer zu wenige, wie Professor Paul E. Nowacki von der Universität Gießen bei der Veranstaltung beklagt hat. Etwa 10 000 Herzsport-Gruppen seien in Deutschland für eine flächendeckende wohnortnahe Versorgung wünschenswert, so Nowacki.

Dabei hat es in den vergangenen 15 Jahren einen starken Anstieg bei der Zahl dieser Sportgruppen gegeben: 1990 gab es in den alten Bundesländern nur etwa 2000 ambulante Herzsport-Gruppen, mittlerweile sind es nach Angaben von Nowacki mit den fünf neuen Bundesländern schon 6293 (Stand im Dezember 2004).

In den neuen Bundesländern sei die Situation dabei schlechter als die in den alten. Beim Vergleich der Bundesländer liegt Hessen mit 939 Gruppen und etwa 15 Herzsport-Gruppen pro 100 000 Einwohnern an der Spitze. "Das dürfte ein gewisses Optimum sein, daß jeder seine Gruppe findet", so Nowacki.

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