Ärzte Zeitung, 21.03.2005

HINTERGRUND

Zuerst werden die Muskeln gestärkt, dann geht’s los - mit ihrem Spezialrad fahren Gelähmte kilometerweit

Von Thomas Müller

Wenn sich ein Patient mit Querschnittlähmung zum ersten Mal auf eines der Spezialräder von Dr. Johann Szecsi setzt und den Stromregler am Lenker betätigt, dann passiert oft gar nichts. Zwar jagt dann ein Stimulator kurze Stromimpulse in Elektroden, die auf der Haut über den Beinmuskeln kleben. Doch die Muskeln sind meist zu schlapp, um die Kurbel zu bewegen. Damit sich das Rad in Gang setzt, müssen die Patienten zunächst ihre Muskeln trainieren.

Muskelkoordination ist beim Radfahren noch relativ einfach

Ein Gerät, das die Muskeln von Gelähmten so präzise stimuliert, daß sie wieder normal gehen können, wäre ein Traum. Zu komplex aber ist die Muskelsteuerung, die einen Menschen stabil auf den Beinen hält, als daß man sie bisher gut imitieren kann. Wesentlich einfacher als beim Gehen ist die Muskelkoordination beim Radfahren. Hierzu ist nur ein kommerzielles Dreirad nötig, das mit einem Stimulations-System bestückt wird. Der Stimulator muß in einer bestimmten Abfolge drei Muskeln pro Bein reizen, und die Patienten können losfahren - vorausgesetzt, ihre Muskeln sind trainiert. Meist sind sie es jedoch nicht.

Was Gelähmte fürs Radeln brauchen

Querschnittgelähmte, die radeln wollen, sollten erst zuhause auf dem Ergometer trainieren. Ein handelsübliches Ergometer muß dazu elektronisch umgerüstet werden. Zusätzlich ist ein Stimulator nötig. Die Kosten liegen nach Angaben von Dr. Johann Szecsi vom Klinikum Großhadern in München bei etwa 3500 Euro für den Stimulator und 2500 bis 3500 Euro für das Ergometer. Bisher würden die Geräte erst selten von den Krankenkassen bezahlt, so Szecsi. Kommerzielle Dreiräder, die für das Radeln mit funktioneller Elektrostimulation geeignet sind, kosten etwa 2000 bis 3500 Euro.

Zwar haben einige querschnittgelähmte Patienten zu Hause einen Stimulator, mit dem sie regelmäßig ihre Beine bewegen, "die Patienten liegen dabei aber auf der Couch oder sitzen im Stuhl und leiten einfach den Strom ins Bein", so Szecsi zur "Ärzte Zeitung". "Das bringt aber nichts, das Training muß schon unter Belastung erfolgen." Sonst, so Szecsi, kann man die atrophischen Muskeln auch per Elektrostimulation nicht wieder aufbauen. Am besten, die Patienten trainieren zu Hause auf einem Ergometer. Nach einigen Wochen sind die Muskeln dann meist stark genug, um mit einem Rad ein paar Kilometer zu fahren.

Ausgedehnte Radtouren werden jedoch auch bei noch so ausgiebigem Training kaum möglich sein. Denn die funktionale Elektrostimulation (FES), wie das Verfahren genannt wird, ist immer noch weit weg von einer physiologischen Muskelsteuerung. So wird bei Stimulation eines Muskels über die Haut nicht der ganze Muskel gereizt. Die Kraft ist entsprechend schwach. Zudem erhalten alle bei der FES gereizten Muskelfasern synchron einen Impuls. Das Nervensystem bei Gesunden ermöglicht dagegen eine präzise Feinsteuerung einzelner Muskelfasern, die zeitlich aufeinander abgestimmt eine maximale Kraftentfaltung ermöglichen. Und zusätzlich ist bei der FES noch nicht ganz klar, mit welchen Frequenzen man stimulieren soll, und welche Muskeln man wann wie lange reizen muß, um optimal zu treten.

Hinzu kommt, daß bei einer geringen Muskelleistung die Gelenkreibung zu einem Problem wird. Der Widerstand, den Gelenke und Muskeln der Bewegung entgegensetzen, ist zwar nicht größer als bei Gesunden, fällt aber bei geringer Leistung mehr ins Gewicht. Alles in allem führen die Einschränkungen dazu, daß ein Querschnittgelähmter mit FES nur etwa ein Zehntel der Tretkraft aufbringt wie ein Gesunder. Daher kommt zunächst nicht jeder in die Gänge, der trotz Querschnittlähmung radeln will.

Gute Voraussetzungen haben vor allem große und kräftige Patienten - bei ihnen ist schlicht die Muskelmasse in den Beinen größer. Auch eine komplette Querschnittlähmung ist von Vorteil: Die Patienten spüren nichts von den Stromstößen. Bei inkompletten Lähmungen macht die FES nur Sinn, so Szecsi, wenn die Patienten die Impulse gut vertragen und die Beine kaum bewegen können - sonst fahren sie ohne FES besser. Auch Spastiken in den Beinen sind schlecht: Sie erhöhen den Widerstand beim Fahren.

Ein Paraplegiker radelt schon neun Kilometer weit

Wie weit trainierte Patienten fahren können, haben Szecsi und seine Mitarbeiter bei sieben Paraplegikern untersucht. Alle waren komplett querschnittgelähmt. Nach zwei Monaten Ergometer-Training schaften sechs von ihnen 1,3 bis 1,8 Kilometer auf dem Rad, eine Patientin nur 400 Meter. Nach drei Monaten erreichten die meisten Patienten Strecken von 2,5 Kilometer. Ein Patient, so Szecsi, komme jetzt sogar bis zu neun Kilometer weit. Doch die Muskeln arbeiten bei den Patienten noch immer im maximalen Leistungsbereich und machen so schnell schlapp. "Dann bleiben die Patienten einfach stehen, und an diesem Tag geht mit den Muskeln nichts mehr", so Szecsi.

Die Grenzen des Möglichen lassen sich durch konsequentes Training aber stetig verschieben. Szecsi kennt eine ehemalige Fahrrad-Akrobatin, die über eineinhalb Jahre täglich sechs Stunden ein Stimulations-Krafttraining absolviert hat. Die querschnittgelähmte Frau schafft jetzt locker Steigungen von fünf Prozent mehrmals hintereinander. Ihr Streckenrekord liegt bei 70 Kilometern.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Wie viel Fett und Eisen lastet auf Deutschlands Lebern?

Fettlebern sind hierzulande mittlerweile ein Massenphänomen, und auch die Eisenüberladung der Leber wird häufig festgestellt. Eine Studie der Uni Greifswald liefert jetzt Daten. mehr »

Pfleger lernen als "Robo Cop", wie sich Altern anfühlt

In einem Modellprojekt sollen junge Menschen mit Förderbedarf für die Altenpflege gewonnen werden: Sie erleben im Simulationsanzug das Altern am eigenen Leib und üben die Pflege an lebensgroßen Puppen. mehr »

Ausgaben-Weltmeister bei Zytostatika

Die Ausgaben für onkologische Arzneimittel in der ambulanten Versorgung sind seit dem Jahr 2011 massiv gestiegen und übertreffen deutlich die Kostensteigerungen aller anderen Arzneimittel ohne Rezepturen. Das geht aus dem Barmer-Arzneimittelreport 2017 hervor. mehr »