Ärzte Zeitung, 01.07.2005

Kreative Erklärung für positiven Doping-Test: Chimärismus

Am Samstag beginnt die 92. Tour de France / Im Vorfeld sorgt der Fall des US-Radprofis Tyler Hamilton für reichlich Diskussionsstoff

NEU-ISENBURG (Smi). Mit dem Einzelzeitfahren von Fromentine nach Noirmoutier-en-L’lle startet am Samstag die 92. Tour de France. Die "Tour der Leiden", das härteste Radrennen der Welt, hat in der Vergangenheit häufig durch spektakuläre Dopingfälle auf sich aufmerksam gemacht. Auch im Vorfeld der aktuellen Veranstaltung sind Radsportler positiv getestet worden, wie etwa die deutsche Nachwuchs-Hoffnung Stefan Schumacher. Für die meisten Diskussionen jedoch sorgte in letzter Zeit ein älterer Dopingfall: durch einen neuen, pfiffigen Versuch der Rechtfertigung.

Wurde bei der Spanienrundfahrt Vuelta im September 2004 positiv auf Fremdblut getestet: der US-Radprofi Tyler Hamilton. Foto: dpa

Verblüfft und amüsiert zugleich haben Experten auf die Erklärung des US-Radprofis Tyler Hamilton zu seinem positiven Dopingbefund bei der Vuelta im September 2004 reagiert: Keineswegs habe er sich fremdes Blut transfundieren lassen, erläuterte Hamilton vor kurzem in der "New York Times"; die fremden Blutzellen in seinem Körper würden von den Stammzellen eines noch vor der Geburt gestorbenen Zwillingsbruders produziert - er sei eine Chimäre!

Rückblick: Am 11. September 2004 wird der 34jährige Zeitfahr-Olympiasieger bei der Spanien-Rundfahrt positiv getestet. Das erste Mal in der Geschichte des Sports wird einem Athleten per A- und B-Probe eine verbotene Bluttransfusion nachgewiesen.

Hamilton war schon im August, einen Tag nach seinem Olympiasieg von Athen, positiv getestet worden, entging damals aber einer Bestrafung, weil die B-Probe versehentlich eingefroren und dadurch zerstört worden war.

Diesmal jedoch wird der Radprofi für zwei Jahre gesperrt. Hamilton und seine Anwälte gehen gegen die Strafe vor. Sie zweifeln vor allem die Nachweis-Methode an: Die zweite Blutpopulation in Hamiltons Adern müsse nicht zwangsläufig Fremdblut sein - möglich sei auch eine Form des Chimärismus.

"Möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich"

"Theoretisch sind viele Dinge möglich", sagt Professor Anthony D. Ho, Ärztlicher Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik V, Abteilung für Hämatologie, Onkologie und Rheumatologie an der Universität Heidelberg, und schmunzelt. "Möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich."

Das Phänomen des Chimärismus existiere tatsächlich, erläutert der Experte für Stammzelltransplantationen. "Während der Schwangerschaft werden zwischen Mutter und Kind Zellen ausgetauscht. Auch bei zweieiigen Zwillingen ist ein solcher Austausch von Zellen möglich." Für den Chimärismus gebe es in der Wissenschaft zwar Hinweise: "Aber wir haben bei Müttern nie die Blutzellen vom Kind und beim Kind nie die Zellen der Mutter nachweisen können", so Ho. Dazu sei die Menge der fremden Zellen im Blut zu gering, oder umgekehrt seien die derzeitigen Meßmethoden nicht fein genug.

Die Theorie vom "verschwundenen Zwilling"

Die Analytik steht auch im Mittelpunkt jenes Expertenstreits, den die Hamilton-Unterstützer angezettelt haben. Der US-Molekularbiologe David Housman, der die Theorie vom "verschwundenen Zwilling" ("New York Times") in die Welt getragen hat, geht bei den von der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) validierten Tests immerhin von einer Fehlerquote von eins zu 5000 aus.

Der US-Wissenschaftler Gerald Sandler von der Georgetown University äußerte generell Zweifel, ob man mit den Tests Chimären aufspüren könne. Dagegen sprechen europäische Doping-Spezialisten wie Günter Gmeiner vom österreichischen Anti-Doping-Labor von "großen innovativen Energien", positive Befunde zu erklären, um damit einer Sperre zu entgehen.

Auch der deutsche Dopingexperte Professor Wilhelm Schänzer, Leiter des Instituts für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule in Köln, reagiert im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" skeptisch auf die Erklärungsversuche des US-Profis vom Radrennteam Phonak. "Ob das stimmt, müßte man ja durch Verlaufskontrollen herauskriegen. Das ist ja kein spontanes, sondern ein kontinuierliches Phänomen."

Genau an diesem Punkt wird Hamiltons Einspruch gegen seine zweijährige Sperre aller Voraussicht nach scheitern. Denn drei Wochen nach dem positiven Test bei der Vuelta in Spanien ist der US-Radprofi erneut getestet worden. Diesmal mit negativem Ergebnis.

Daß auch Hamiltons Teamkollege Santiago Perez bei der Vuelta 2004 positiv auf Fremdblut getestet worden ist, dürfte die Argumente des Phonak-Kapitäns weiter schwächen. Es sei denn, im Team des Hörgeräte-Herstellers gäbe es zwei Chimären.

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