Ärzte Zeitung, 16.05.2006

Mannschaftsarzt hat für Entscheidung 90 Sekunden

Die Ausstellung "Platz.Wunden" im Berliner Medizinhistorischen Museum widmet sich der Arbeit der Mediziner

BERLIN. Ein Fußballspiel dauert 90 Minuten. Gerade einmal 90 Sekunden hat ein Mannschaftsarzt Zeit zu entscheiden, ob ein Spieler nach einer Verletzung auf den Platz zurückkehren kann. Diesen 90 Sekunden widmet sich eine Ausstellung, die unter dem Titel "Platz.Wunden" im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité zu sehen ist.

Die deutschen Nationalfarben sind kurz vor der WM allgegenwärtig, so auch in der Ausstellung "Platz.Wunden", die derzeit in der Charité gezeigt wird.

Dr. Ulrich Schleicher, Mannschaftsarzt vom Fußball-Bundesligisten Hertha BSC, präsentiert auf der Berliner Ausstellung die Utensilien seines Koffers. Fotos (2): ami

Von Angela Mißlbeck

Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, Mannschaftsarzt der deutschen Nationalelf, verrät in der Ausstellung einiges über seine Untersuchungstechnik.

Offene Wunden werden mit diesem Gerät noch auf dem Platz getackert. Wie etwa die klaffende Stirn-Wunde des Ex-Kickers Matthias Sammer. Fotos (2): Zippel

90 Sekunden für eine Entscheidung. Kann der Spieler zurück auf den Platz? Oder ist die Verletzung zu schlimm? Entscheiden muß das der Mannschaftsarzt. Tausende von Augenpaaren ruhen währenddessen gebannt auf ihm. "Alle sehen zu in diesen Momenten, aber keiner weiß, was eigentlich passiert", sagt Museumsleiter Thomas Schnalke.

Damit sich das ändert, nimmt die Ausstellung "Platz.Wunden" das Verhältnis von Fußball und Medizin ins Visier. Sie wirft ein Licht auf die 90 Sekunden, die dem Mannschaftsarzt bleiben, auf den dramatischen Augenblick davor und die lange Zeit der Genesung, die für manchen Spieler darauf folgt. Auf grünem Kunstrasen sind Objekte angeordnet, im Zentrum steht der Koffer eines Mannschaftsarztes. Fotos von Spielern und Mannschaftsärzten zieren die Wände. In Audio-Interviews hört man vier Ärzte und drei Spieler.

Unter anderem berichtet Nationalspieler Jens Nowotny von der Verletzung auf dem Platz, den Mühen der Reha und die veränderte Wahrnehmung des eigenen Körpers. Der Mannschaftsarzt der deutschen Nationalelf Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt verrät einiges über seine Untersuchungstechnik, die Verantwortung des Fußballarztes und das Vertrauen der Stars.

Über verletzungsanfällige Spielertypen, den Einfluß der Psyche und die Ausrüstung des Arztes auf dem Platz berichtet der Mannschaftsarzt des Berliner Erstligavereins Hertha BSC Dr. Ulrich Schleicher, der bei der Weltmeisterschaft die jeweiligen Mannschaftsärzte logistisch unterstützt.

Dabei lernt der Besucher eines: "Wundermittel, Wunderspritzen - dem ist nicht so. Es ist wie immer in der Medizin ein nüchternes Handwerk", wie Schleicher sagt. Ist er aufgeregt in den 90 Sekunden? "Der Adrenalinspiegel steigt natürlich, aber als junger Assistenzarzt in der Nachtschicht hatte ich mehr Streß als jetzt in so einer Situation", sagt Schleicher, Orthopäde mit zusätzlicher internistischer Ausbildung.

Die magischen 90 Sekunden und das, was darauf folgt, werden beispielhaft in einigen Video-Aufzeichnungen von Spielen lebendig. Zu sehen sind unter anderem Ausschnitte aus dem DFB-Pokalfinale von 1982, als Dieter Hoeneß nach einer Kopfverletzung auf den Platz zurückkehrt und kurz vor Spielende den Siegtreffer für Bayern München gegen den 1. FC Nürnberg mit bandagiertem Kopf versenkt.

Um Ballacks Oberschenkel und Deißlers Fuß geht es in Ausschnitten vom Freundschaftsspiel Deutschland gegen Frankreich im November des vergangenen Jahres.

Was macht der Mannschaftsarzt bei einer ernsthaften Verletzung? Während des Spiels und nach dem Spiel? Wie bereitet er seinen Einsatz vor? Antwort auf diese Fragen will die Ausstellung geben, die außer der Arbeit der Mannschaftsärzte auch das Innenleben der Spieler nach einer Verletzung beleuchtet.

Die Sonderausstellung "Platz.Wunden" ist bis 1. Oktober im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité, Campus Mitte, Schuhmannstraße 20/21, zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr, mittwochs bis 19 Uhr. Eintritt: vier Euro (ermäßigt zwei Euro).

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