Ärzte Zeitung, 30.05.2007

HINTERGRUND

"Dass einzelne Ärzte Doping systematisch betrieben haben, das ist einfach schockierend!"

Von Pete Smith

Die Dopingaffäre um das ehemalige Team Telekom hat nicht nur das Ansehen des Sports, sondern auch das der Sportmedizin in Deutschland beschädigt. Das glauben führende deutsche Sportmediziner, nachdem bekannt geworden ist, dass Ärzte vom Institut für Sportmedizin der Universität Freiburg Athleten über Jahre mit Erythropoetin (EPO) und anderen Dopingsubstanzen versorgt haben. Allerdings wehren sich Sportärzte landauf, landab gegen Angriffe, die ihren Berufsstand pauschal diffamieren. Die Betreuung von Leistungssportlern, so die allgemeine Reaktion, mache nur einen äußerst geringen Anteil der Sportmedizin aus.

Noch am 10. Mai hatte der Freiburger Sportmediziner Professor Andreas Schmid schriftlich dementiert, Dopingmittel verabreicht zu haben. Nach seinem Geständnis Tage später ist er von der Uniklinik Freiburg entlassen worden. Foto: dpa

"Es ist ein sehr großer Rufschaden entstanden", sagt Professor Peter Bärtsch, Ärztlicher Direktor der Abteilung Sportmedizin des Universitätsklinikums Heidelberg und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP). "Es braucht jetzt eine rigorose Aufklärung: Waren das Einzeltäter? Oder wussten noch andere davon?" Er persönlich sei überzeugt davon, "dass praktisch alle anderen Universitätskliniken sauber sind".

Die große Mehrheit der Kollegen distanziert sich

"Dass einzelne Ärzte von Dopingpraktiken gewusst haben, dürfte jedem klar gewesen sein", schätzt Professor Walter Schmidt, Leiter der Abteilung Sportmedizin/Sportphysiologie der Universität Bayreuth. "Nicht aber, dass es einige systematisch selbst betrieben haben. Darüber bin ich schockiert." Wie sein Kollege Bärtsch verwahrt sich Schmidt jedoch gegen pauschale Verurteilungen.

"Es muss klar gestellt werden, dass sich alle Kollegen, mit wenigen Ausnahmen, von jeglichen Dopingmaßnahmen distanzieren", so der Bayreuther Sportarzt, an dessen Institut eine Methode zur Hämoglobinmengenbestimmung entwickelt worden ist, die inzwischen von vielen Verbänden und Teams (auch vom Radsportteam T-Mobile) eingesetzt wird. Schmidt fordert einen ganzen Maßnahmenkatalog, um Doping im Sport weiter einzudämmen. Dazu zählen eine umfassende Prävention, die "strenge Anwendung eines zu schaffenden Anti-Doping-Gesetzes" und umfassende Screening-Maßnahmen mittels biologischer Parameter.

Zudem sollte, da ist er mit seinem Heidelberger Kollegen Bärtsch einer Meinung, die Nationale Anti-Doping-Agentur NADA weiter ausgebaut werden. "Durch verbesserte Kontrollmechanismen und Nachweismethoden sowie weitere Aufklärung würde sich die Chance, als Dopingsünder unentdeckt zu bleiben, weiter verringern", ist Dr. Marc Ziegler, Sportmediziner an der Uni Hamburg, überzeugt. Er fordert die "systematische Verbesserung der internationalen Kontrollstrukturen und die Erforschung sensitiverer und spezifischerer Nachweismethoden". Ziegler berichtet davon, dass anonyme Anrufer in der Vergangenheit auch an die Abteilung Sport- und Bewegungsmedizin der Universität Hamburg mit dem Ansinnen herangetreten sind, Sportler durch die Gabe verbotener Substanzen zu unterstützen. "Da diese Anliegen kategorisch abgelehnt wurden, gaben sich die Anrufer nicht zu erkennen."

Konsequente Aufklärung der Vorfälle gefordert

Professor Andreas Nieß, Ärztlicher Direktor der Abteilung Sportmedizin am Universitätsklinikum Tübingen, "hat die direkte Beteiligung universitärer Mediziner am Doping betroffen gemacht und auch verärgert". Er nennt das Vorgehen seiner Freiburger Kollegen einen Skandal und fordert eine konsequente Aufklärung der Vorfälle.

Wie seine Kollegen Schmidt und Bärtsch wendet sich Nieß jedoch gegen pauschale Verurteilungen und betont, dass die Sportmedizin neben dem Leistungssport auch weitere Aufgaben etwa im Bereich der Prävention besitzt. "Einen generellen Rückzug aus der sportmedizinischen Betreuung von Spitzensportlern halte ich für den falschen Weg", so Nieß. "Dies würde eher die Kräfte stärken, welche dem Doping offen gegenüber stehen oder in der Grauzone agieren."

An der Universität Freiburg überlegt man derzeit sogar, die Sportmedizin generell abzuschaffen. "Das wäre katastrophal", meint der Heidelberger Sportmediziner Bärtsch, der es "unfair und töricht" findet, sein Fach pauschal zu bezichtigen, wie das derzeit geschehe. "Denn die eigentliche Bedeutung der Sportmedizin liegt im Präventions- und Gesundheitssport."

Dr. Klaus Zöllig, Sportmediziner aus Weinheim und Vorsitzender des Doping-Opfer-Hilfe-Vereins (DOH), ist nicht überrascht über die Vorkommnisse in Freiburg. "Insider wussten das schon lange", sagt der Arzt. "Trotzdem bin ich tief empört, dass die ärztliche Ethik so mit Füßen getreten worden ist."

Ihn persönlich interessiere im übrigen nicht in erster Linie, was in den 90-er Jahren passiert ist, sondern vielmehr, wie sich die Situation heute darstellt.

Expertenkommission soll aufklären

Eine unabhängige Expertenkommission des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) soll jetzt die Vergangenheit aufarbeiten und das bestehende Anti-Doping-Programm überprüfen. "Wir werden alle Möglichkeiten des Sportrechts, in bestimmten Fällen auch des Arbeitsrechts prüfen", sagte BDR-Präsident Rudolf Scharping. Er kündigte an, dass der Verband konsequent "die Versäumnisse und Betrügereien" aufklären wolle. "Es wird keine pauschale Verurteilung geben, aber auch keinen Freispruch", betonte der frühere Verteidigungsminister.

Der langjährige deutsche Olympia-Arzt Georg Huber hat am Samstag gestanden, zwischen 1980 bis 1990 jungen Straßenradfahrern das leistungssteigernde Hormon Testosteron verabreicht zu haben. Dies teilte das Uniklinikum Freiburg mit. Huber sei suspendiert worden, hieß es.

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