Ärzte Zeitung, 26.06.2008

HINTERGRUND

Ärzteflucht ins Ausland oder nicht - Streit mit der Keule statt mit dem Florett

Von Helmut Laschet

 ärzteflucht ins ausland oder nicht - streit mit der keule statt mit dem florett

Dienstschluss - zumindest in Deutschland. 2400 Ärzte haben letztes Jahr der Republik den Rücken gekehrt und sind ins westliche Ausland gegangen.

Foto: imago

Heftiger Interpretationsstreit zwischen Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt und dem Marburger-Bund-Vorsitzenden Rudolf Henke um den angeblichen Exodus von Ärzten aus Deutschland. Die "anhaltende Ärzteflucht" (Henke) sei in Wirklichkeit ein "Rinnsal" (Schmidt).

Grundlage des Streits ist die identische Datenquelle: Die aktuelle Arztzahlstatistik der Bundesärztekammer, wie sie im Tätigkeitsbericht 2007 zum Ärztetag vorgelegt worden ist. In einem Brief an "liebe Kolleginnen und Kollegen" der Koalitionsfraktionen gibt Schmidt Hilfestellung, wie die Zahlen zu lesen sind.

  • Danach hat sich die Zahl der Ärzte ambulant wie stationär weiter erhöht. "Noch nie war Deutschland mit Ärzten so gut versorgt wie heute", schreibt Schmidt.
  • Die Abwanderung ist kein Massenphänomen, sie sei sogar rückläufig. Die Zahl abgewanderter Ärzte sei sogar niedriger als die der zugewanderten. Von Brain Drain könne keine Rede sein. Die Flut von Abwanderungen nach Großbritannien ist "in Wahrheit ein Rinnsal", so Schmidt.
  • Entgegen anderen Behauptungen sei die Zahl berufstätiger Ärzte außerhalb der Krankenversorgung über die Jahre konstant und habe jüngst sogar abgenommen.

Die Zuwanderung ist größer als die Abwanderung

Diese in der Sache völlig korrekte Darstellung wertet der mb-Chef als Irreführung. Er hat eine Zahl gefunden, die die Entwicklung zu dramatisieren geeignet ist: Die Zahl der aus Deutschland abgewanderten Ärzte habe sich von 1400 im Jahr 2001 auf über 2400 erhöht. Das sei ein "massiver Rückzug der Ärzte aus Deutschland". Verantwortlich sei eine "enttäuschende Gesundheitspolitik, die seit Jahren auf Reglementierung und Budgetierung" setze, so Henke.

Tatsache ist, dass im vergangenen Jahr etwas weniger Ärzte aus Deutschland ins Ausland gegangen sind als im Vorjahr. Höhere Gehälter, bessere Arbeitsbedingungen, mehr Kollegialität spielen dabei wohl eine Rolle: Die Schweiz, Österreich, USA und Großbritannien sind dabei die wichtigsten Länder.

Minderqualifizierte Mediziner aus Osteuropa?

Ob die Abwanderung für die Versorgung bedrohlich ist oder nicht, belegen weder Schmidt noch Henke. Misst man die Zahl abgewanderter Ärzte an der Zahl der Mediziner, die im letzten Jahr eine Facharztanerkennung bekommen haben (gut 12 000), dann hat Deutschland einen Schwund von einem Fünftel seiner nachrückenden Ärzte. Das ist mehr als ein Rinnsal. Aber ein Exodus?

Der Abwanderung steht andererseits eine Zuwanderung gegenüber. Immerhin ist die Zahl ausländischer Ärzte in Deutschland mit gut 20 400 um fast 5000 höher als die deutscher Ärzte im Ausland. Aber die ausländischen Ärzte seien den deutschen nicht gleichwertig, behauptet der Marburger Bund.

"Häufig führt bereits der Sprachunterschied von Ärzten aus Osteuropa zu begrenzten Einsatzmöglichkeiten bei der medizinischen Versorgung in Deutschland." Ignoriert wird dabei, dass vor allem Ärzte aus Osteuropa durchweg und mitunter sogar exzellent Deutsch sprechen. Die zweitgrößte Gruppe stellen überdies die Österreicher, die gemeinhin trotz ihres Dialekts zum deutschsprachigen Raum gezählt werden.

Das Problem: Ärzte-Klau der reichen Länder

Die wirklichen Probleme sprechen freilich weder Schmidt noch Henke an: Verlassen deutsche Ärzte ihre Heimat dauerhaft oder nur vorübergehend? Kommen sie - sicherlich mit exzellenter internationaler Erfahrung - wieder zurück und finden sie dann adäquate Arbeitsbedingungen? Oder bleiben diese Ärzte in der Schweiz, in Großbritannien und den USA, sodassder deutsche Staat seine Ausbildungsinvestitionen abschreiben kann?

Reißen diejenigen Ärzte, die aus Russland und den mittel-osteuropäischen Staaten abgeworben werden, eine Versorgungslücke in ihrer Heimat - und sind diese ärmeren Länder nicht die eigentlich Leidtragenden einer Beggar-my-Neighbour-Policy etwa der Schweiz oder Großbritanniens?

Politische Verantwortung und Klinik-Missmanagement

Schlussendlich: Ist es wirklich allein eine fraglos restriktive politische gewollte und entschiedene Budgetierung gewesen, die die Arbeitsbedingungen für Ärzte in den vergangenen zwei Jahrzehnten verschlechtert hat? Oder sind auch eine verfehlte Tarifpolitik und Personal-Missmanagement von Chefärzten und Krankenhausleitungen für die Abwanderung die Ursache?

Die erkennbaren Probleme in Teilen der ambulanten Versorgung klammern Schmidt und Henke aus. Etwa die Überalterung bei Hausärzten oder Unterversorgung in ländlichen Regionen.

Mit ihrem Politiker- und Funktionärsgedröhn haben Schmidt und Henke keinen Beitrag zur Aufklärung und Problemlösung, wohl aber zur Ausbreitung von Missstimmung und Verdrossenheit geleistet.

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