Ärzte Zeitung, 13.10.2008

Was bringt der Fonds für chronisch Kranke?

Wird sich die Versorgung chronisch kranker Menschen mit dem Gesundheitsfonds verschlechtern? VdK-Mitglieder sind verunsichert.

Von Christoph Fuhr

Was bringt der Fonds für chronisch Kranke?

Menschen mit einer Rente von bis zu 800 Euro sollten vom Zusatzbeitrag befreit werden, fordert der VdK.

Foto: dpa

Zu viele Fragezeichen, zu viele Unwägbarkeiten: Was der Gesundheitsfonds nach seiner Einführung bewirken werde, sagt Walter Hirrlinger, sei derzeit kaum abzusehen. Nur in einem ist sich der Ehrenpräsident des Sozialverbands VdK sicher: Die Kosten für Versorgung werden steigen.

Zum regionalen VdK-Gesundheitstag forderte Hirrlinger am Samstag vor mehr als 800 Mitgliedern aus allen Teilen Baden-Württembergs in Stuttgart eine Strategie, die sich an Erfahrungen bei der Einführung der Diagnosis Related Groups (DRG) in Kliniken orientieren könnte. Eine Probephase für den Fonds sei erforderlich, um danach je nach Bedarf Stellschrauben anzuziehen oder zu lockern. Hirrlinger stellte aber klar: Die Chance, dass diese Forderung noch realisiert wird, ist gering.

Entlastung für Rentner angemahnt

Große Sorge bereitet dem langjährigen VdK-Präsidenten der Zusatzbeitrag, den Kassen dann verlangen können, wenn sie mit dem Geld aus dem Fonds nicht auskommen. "Wir haben immer wieder gefordert, dass Menschen mit einer Rente bis zu 800 Euro von diesem Zusatzbeitrag befreit werden müssen." Bisher sei das abgelehnt worden, aber der VdK werde dieses Problem weiter zum Thema machen: "Die Gefahr der Altersarmut steigt", sagte Hirrlinger, "das wird die Politik einsehen müssen".

Arm, sozial ausgegrenzt, ohne Einfluss bei künftigen Verteilungskämpfen um eine angemessene Gesundheitsversorgung? In Stuttgart wurde deutlich: Diese Vision sorgt bei VdK-Mitgliedern, die meist chronisch krank oder behindert sind, für viel Verunsicherung.

Professor Wilhelm Niebling, Hausarzt, Leiter des Lehrbereichs Allgemeinmedizin der Uni Freiburg und Vorstandsmitglied in der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, referierte in Stuttgart Studien, nach denen es in gesellschaftlich benachteiligten Randgruppen mit erschwertem Zugang zu medizinischen Leistungen bereits heute eine Unterversorgung mit Arzneimitteln gibt.

"Armut macht krank", stellte auch der Kardiologe und Pneumologe Professor Matthias Leschke vom Klinikum Esslingen unmissverständlich klar. Er warnte vor einer wachsenden Unterversorgung nach der Einführung des Fonds. Herausforderungen einer alternden Gesellschaft müssten auch bewältigt werden durch pharmazeutische Innovationen, die chronische Erkrankungen im frühen Stadium beeinflussen und schwere Verläufe bremsen können. "Es geht darum, dass Menschen auch im Alter möglichst autonom leben können", sagte Leschke.

Skeptisch werden Details des Gesundheitsfonds nicht nur bei Ärzten und dem VdK gesehen. Ministerialdirigent Manfred Zach aus dem Baden-württembergischen Sozialministerium etwa befürchtet regionale Qualitätsverluste bei der Versorgung, "weil die Kassen sparen müssen".

Als mögliches Beispiel nannte er einen speziellen Vertrag, den die AOK mit der KV Baden-Württemberg abgeschlossen hat. Er garantiert Behandlungsoptionen für Dialysepatienten, die weit über bundesweit übliche Standards hinausgehen.

Eine von vielen Folgen: Die stationäre Einweisungsrate für Dialysepatienten liegt im Südwesten deutlich niedriger als im Rest des Bundesgebiets. Solche Verträge, warnte Zach, könnten gekippt werden, wenn Auswirkungen des Fonds die Kassen zwingen, die Kostenschraube anzuziehen. Holger Pressel von der AOK Baden-Württemberg schließlich gab sich optimistisch, dass seine Kasse auch unter schwierigen Rahmenbedingungen ein umfassendes Leistungsangebot zur Verfügung stellen werde. Er verwies auf hohe Erwartungen mit Blick auf den im Südwesten geschlossenen AOK-Hausarztvertrag. Zugleich erteilte Pressel Forderungen nach einer Fusion von Landes-AOKen eine Absage.

Patienten müssen besser informiert werden

Eine gute Arzneimittelversorgung, mahnte der Allgemeinmediziner Niebling abschließend, könne für Patienten nicht bedeuten, möglichst viele Medikamente um jeden Preis zu bekommen. Ziel sei vielmehr eine "individualisierte Therapie". Dabei müssten für jeden Patienten altersabhängige pharmakologische Besonderheiten und Grundsätze beachtet sowie Begleiterkrankungen einbezogen werden. "Das kann allerdings nur dann funktionieren", sagte Niebling, "wenn Patienten besser als bisher informiert werden".

VdK Sozialverband

Der VdK ist mit 1,4 Millionen Mitgliedern der größte Sozialverband in Deutschland. Er vertritt die Interessen von Menschen mit Behinderungen, chronisch Kranken, Seniorinnen und Senioren, Patientinnen und Patienten gegenüber der Politik und an Sozialgerichten.

Lesen Sie dazu auch:
Das letzte Aufbäumen gegen den Gesundheitsfonds

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