Ärzte Zeitung, 05.11.2008

Schmidt fordert täglich 30 Minuten Bewegung an Schulen

Ministerin: Kinder, die sich bewegen, haben weniger Unfälle / Experten: 60 Prozent der 1,7 Millionen Kinderunfälle sind vermeidbar

BERLIN (ble). Pro Jahr erleiden etwa 1,7 Millionen Kinder in Deutschland einen Unfall - etwa zehn Prozent von ihnen müssen stationär behandelt werden. Nach Ansicht von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) ist ein Grund für diese Zahlen der eklatante Bewegungsmangel bei vielen der über elf Millionen Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren.

"Ein Kind, das sich nicht bewegt, hat den Kopf nicht so frei, ist nicht so konzentriert, wie es sein müsste, wenn es sich in schwierige Situationen begibt", sagte die Ministerin am Dienstag in Berlin (wie berichtet).

Sie forderte die Bundesländer daher auf, an den Schulen täglich mindestens halbstündigen Bewegungsunterricht einzuführen. Besonders beunruhigt zeigte sie sich darüber, dass vor allem Kinder aus sozial schwachen Familien und Kinder aus ausländischen Familien nicht nur schlechtere Gesundheitschancen hätten, sondern auch mehr Unfälle erlitten.

Nach Ansicht von Experten sind drei von fünf Unfällen vermeidbar, bei tödlich verlaufenden Unfällen sind es sogar 95 Prozent. 2006 starben 336 Kinder bei Unfällen. "Es darf uns nicht ruhen lassen, dass 60 Prozent der Unfälle vermeidbar sind", sagte Schmidt. Wie die Kinderkommission des Deutschen Bundestags sprach sie sich für die Einführung einer allgemeinen Helmpflicht für Fahrradfahrer aus, um die Zahl schwerer und tödlicher Kinderunfälle zu senken. Viele Jugendliche wollten keinen Helm tragen, um nicht "blöd auszusehen". Wenn alle Fahrradfahrer Helme trügen, erledige sich dieses Problem von allein, so die Ministerin.

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie, Professor Joachim Grifka, warnte davor, Haltungsschäden zu verharmlosen. So seien Rückenschmerzen bei Erwachsenen der häufigste Grund für Arbeitsunfähigkeit (AU). Rückenleiden lösten 27 Prozent aller AU-Fälle, und 40 Prozent der AU-Tage aus, 30 Prozent der medizinischen Reha-Maßnahmen und 23 Prozent der Erwerbungsunfähigkeitsfälle.

Um dem entgegen zu steuern, schlug Grifka an den Schulen ein mindestens zweijähriges Präventionsprogramm nach dem Vorbild des Programms "Rückenschule in der Schule" der Orthopädischen Universitätsklinik Regensburg/Bad Abbach vor. Langfristig könnten dadurch erhebliche Behandlungskosten eingespart werden. Deutschland sei eine "sitzende Gesellschaft" und müsse sich darauf einstellen, sagte er.

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie, Professor Axel Ekkernkamp, forderte die Einrichtung eines Kinder-Traumaregisters. Nur mit Kenntnis der Unfallursachen sei Prävention möglich. Von den 1,7 Millionen Unfällen entfallen 965 000 auf Schulen und Kindergärten, 500 000 Unfälle ereignen sich zu Hause und in der Freizeit, der Rest im Verkehr.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Mehr Pneumonien unter Benzodiazepinen

Benzodiazepine sind bei Patienten, die an Morbus Alzheimer leiden, mit einer Häufung von Lungenentzündungen assoziiert. Für Z-Substanzen gilt das womöglich nicht. mehr »

Psychotherapie bei Borderline nur mäßig erfolgreich

Spezifische Psychotherapien sind bei Borderline-Patienten unterm Strich zwar wirksamer als unspezifische Behandlungen: Allerdings fällt die Bilanz in kontrollierten Studien eher mager aus. mehr »

KBV legt acht Punkte für eine Reformagenda vor

Rechtzeitig vor dem Bundestagswahlkampf und dem Start in eine neue Legislaturperiode hat die KBV ein Programm für eine moderne Gesundheitsversorgung vorgelegt. Was steht drin? mehr »