Ärzte Zeitung, 20.11.2008

Wettbewerb als ordnende Kraft der Medizinwirtschaft

Bis 2020 findet eine Revolution statt: Gesetzliche Kassen und KVen sind abgeschafft, der Krankenversicherungsmarkt ist privatisiert, Ärzte und Kliniken kooperieren durchweg in privaten Dienstleistungsgesellschaften. Für Versicherte und Patienten agieren Verbraucherorganisationen professionell.

Ärzte und andere Leistungserbringer im scharfen Wettbewerb um Patienten: eine realistische Vision fürs Jahr 2020?

Foto: Yuri Arcurs©www.fotolia.de

Von Helmut Laschet

Die Charakteristika des Versicherungsmarktes sind: die gesetzlichen Kassen sind abgeschafft, ebenso wie das SGB V. Es gilt ein für alle Versicherungen einheitliches Krankenversicherungsvertragsgesetz. Alle Bürger müssen sich versichern. Das Bundesgesundheitsministerium legt Mindeststandards für den Versicherungsumfang fest.

Die Versicherungen werden von der BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen) beaufsichtigt. Die Prämien sind als Kopfpauschalen gestaltet, aber nicht mehr vom individuellen Gesundheitsrisiko abhängig. Für sozial Schwächere gibt es Steuerzuschüsse. Neu: Versicherte schaffen sich starke Organisationen

Die Versicherten haben die Wahl unter verschiedenen Tarifen, etwa mit unterschiedlichen Selbstbeteiligungen. Aber: Nicht der Versicherungsumfang ist wesentlich für die Entscheidung des Versicherten, sondern die Art der Versorgungsform. Für alle Beteiligten ist es sinnvoll, Versorgungsprozesse zu optimieren.

Weil dies für einzelne Versicherte schwer zu durchschauen ist, haben Verbraucherorganisationen, aber auch große Unternehmen, Gewerkschaften, Wohlfahrts- und Patientenvereinigungen Gruppentarife für unterschiedliche Bedürfnis- und Bedarfslagen abgeschlossen - sie agieren also als Agenten von Patienten und Versicherten. So bietet die Deutsche Diabetes-Gesellschaft einen Gruppentarif an, der den Versicherten ein DMP, Zugang zu diabetologischen Fachkliniken und medikamentösen Innovationen sichert.

Die Struktur der Leistungserbringer hat sich grundlegend geändert. Die KVen haben sich zu privatwirtschaftlich oder genossenschaftlich agierenden Dienstleistern entwickelt und ihr Monopol verloren. Sie stehen im Wettbewerb mit Managementgesellschaften, die ambulante und stationäre Versorgung organisieren. Die Bedarfsplanung ist abgeschafft; aber ein Akkreditierungsverfahren für alle Leistungserbringer soll eine Mindestqualität garantieren.

Überdies müssen die Leistungserbringer eine ganze Reihe von Qualitätsindikatoren transparent machen. Eine staatliche Gebührenordnung existiert nur noch als eine Grenze für Höchstpreise. Ansonsten verhandeln Gruppen von Leistungserbringern mit den Versicherungen über komplexe Konditionen.

Neben Kostenerstattungstarifen mit einer relativ breiten Wahlmöglichkeit zwischen verschiedenen Leistungserbringern können sich Versicherte auch für Managed-Care-Strukturen entscheiden - mit begrenztem Zugang zu Ärzten und Kliniken. Eine Notfallversorgung müssen die Länder sichern.

Hersteller und Kassen verhandeln Arznei-Konditionen

Grundsätzlich werden alle neuen Arzneimittel auch erstattet. Allerdings können die Versicherungen differenzieren, welche Arzneien sie in welcher Höhe bezahlen wollen. In Verträgen zwischen Versicherungen und Herstellern werden Preise, Mengen, Garantien und Zusatzleistungen vereinbart. Im innovativen Marktsegment bieten die Hersteller den Versicherungen häufig Versorgungs- und Risk-Sharing-Konzepte an. Kosten-Nutzen-Bewertungen sind dabei üblich und Grundlage dezentraler Verhandlungen.

Szenario C - die Charakteristika

Das Gesundheitswesen ist marktwirtschaftlich ausgerichtet. Versicherte und Patienten haben sich in starken Gruppen organisiert - als Gegenpol zu den Versicherungen, die verschiedenste Tarife anbieten. KVen als monopolistische Körperschaften sind abgeschafft; viele Management-Gesellschaften organisieren optimierte Leistungsprozesse.

Drei alternative Zukunftsszenarien

Das Pharmaunternehmen Janssen-Cilag liefert seit 1994 mit der Delphi-Studienreihe Impulse für die Diskussion um die Zukunft des deutschen Gesundheitswesens. Im Fokus der fünften Delphi-Studie steht die Frage, wie das Gesundheitswesen im Jahr 2020 aussehen soll.

Im ersten Schritt wurden unter Mitwirkung eines Expertenbeirats zunächst drei alternative Zukunftsszenarien für ein Gesundheitssystem 2020 entwickelt. In der zweiten Phase wurden die Zukunftsszenarien in mehreren Workshops gründlich analysiert und aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven begutachtet. Beteiligt waren rund 60 Fachleute aus verschiedenen Bereichen des Gesundheitswesens und Patientenorganisationen. Danach wurden Bürger zu zentralen Handlungsoptionen der Szenarien befragt. Wissenschaftlich konzipiert und betreut wurde die Studie von Professor Jürgen Wasem (Uni Duisburg-Essen), und Hans-Dieter Nolting (IGES Institut Berlin). Die "Ärzte Zeitung" stellt alle Szenarien in einer Serie vor, die mit der heutigen Ausgabe endet.

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Die Sicht der Ärzte: Versicherte sind überfordert
Die Sicht der Patienten / Bürger: Freier Wettbewerb nicht gefragt
Die Sicht der gesetzlichen Kassen: Eine starke Strapaze für die Solidarität
Die Sicht der privaten Krankenversicherung: Ein Marktideal - aber kaum realisierbar
Die Sicht von Kliniken und Innovatoren: Staatliche Grundsatznormen sind unverzichtbar
Die Sicht von Janssen-Cilag: "Das System öffnet sich für Selbstbestimmung"

Weitere Beiträge zur Serie:
"Perspektive 2020 - Delphi-Studie - Janssen-Cilag"

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