Ärzte Zeitung, 28.11.2008

In Deutschland krankt es an der Koordination

Ein Acht-Länder-Vergleich zeigt die Stärken und Schwächen des deutschen Gesundheitssystems: Der Zugang zur Versorgung ist einfach, die finanzielle Belastung der Patienten liegt im Mittelfeld der acht Staaten. Defizite zeigen sich bei der Koordination der Versorgung gerade chronisch Kranker.

Von Florian Staeck

Was in anderen Industriestaaten gängige Praxis ist, zeigt sich in Deutschland als rare Ausnahme: Die Beteiligung von Fachpersonal an der Versorgung.

Finanzielle Hürden für Patienten sind nicht höher als in den sieben anderen untersuchten Ländern - Australien, Kanada, Frankreich, Neuseeland, Großbritannien, den Niederlanden und den USA. Das ist ein Ergebnis der vom Commonwealth Fund unterstützten Studie, bei der alte, chronisch kranke Menschen telefonisch befragt wurden.

So sagten in Deutschland zwölf Prozent der Befragten, ein Arzt habe in den vergangenen Jahren aus finanziellen Gründen kein verschreibungspflichtiges Präparat verordnet. Die gleiche Erfahrung machten 43 Prozent der Befragten in den USA, 20 Prozent in Australien, 13 Prozent in Frankreich, aber nur drei Prozent der Befragten in den Niederlanden. Positiv zeigt sich das deutsche System auch bei der Frage der ambulanten Versorgung nach einem Klinikaufenthalt. Nur neun Prozent der Befragten mussten wegen Komplikationen erneut die Klinik aufsuchen. Nur in Frankreich ist der Anteil mit sieben Prozent geringer (Großbritannien 10, Neuseeland 11, Kanada und Niederlande 17, USA 18 Prozent).

Probleme werden dagegen beim Ländervergleich in Deutschland hinsichtlich der Verfügbarkeit von Gesundheitsdaten der Patienten deutlich: So sagten 18 Prozent der Befragten, Ärzte hätten in den vergangenen zwei Jahren (Labor-)Untersuchungen angeordnet, die bereits zuvor gemacht wurden. Nur in den USA liegt der Anteil der berichteten Doppeluntersuchungen mit 20 Prozent höher als in Deutschland (Niederlande 4, Großbritannien 7, Frankreich und Neuseeland 10, Kanada 11, Australien 12 Prozent).

Fachärzte haben in Deutschland deutlich häufiger als in anderen der untersuchten Ländern keine Informationen über die Krankengeschichte des Patienten.

Dieses für Deutschland wenig vorteilhafte Ergebnis spiegelt sich auch in den Antworten auf Frage, ob behandelnde Fachärzte die Krankengeschichte des jeweiligen Patienten gekannt haben: In fast jedem dritten Fall (32 Prozent) verneinten die Befragten in Deutschland dies -  ein Negativ-Spitzenwert, dem nur Frankreich (28 Prozent) nahekommt. In allen anderen Fällen scheint die Koordination bei der fachärztlichen Versorgung seltener Probleme zu machen (Neuseeland 12, Großbritannien 14, Niederlande und Kanada 16, Australien 19, USA 22 Prozent).

Eine Sonderstellung nimmt Deutschland bei der Bedeutung medizinischen Fachpersonals in der Versorgung chronisch Kranker ein. Nur 13 Prozent der Befragten hierzulande sagten, Nicht-Ärzte seien regelmäßig daran beteiligt. In allen anderen Ländern hat nicht-ärztliches Personal eine wichtigere Rolle. In Großbritannien sagt sogar fast jeder Zweite (48 Prozent), Fachpersonal sei beim Versorgungsmanagement regelmäßig beteiligt (Australien 18, Kanada 22, Frankreich 26, Niederlande 29, Neuseeland und USA 33 Prozent).

Die Studie im Internet: www.commonwealthfund.org/publications/publications_show.htm?doc_id=726492

Befragung in acht Ländern

Für den "International Health Policy Survey" des Commonwealth Fund wurden in acht Ländern Menschen mit mindestens einer chronischen Erkrankung befragt. Die Zahl der Befragten reichte je nach Land von 593 (Australien) bis zu 1956 (Kanada). In Deutschland wurden durch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen 867 Menschen befragt. Die Telefoninterviews haben im Schnitt 17 Minuten gedauert. Das Durchschnittsalter der Befragten betrug in Deutschland 72 Jahre.

Topics
Schlagworte
Politik & Gesellschaft (74591)
Organisationen
IQWiG (1147)
Personen
Florian Staeck (1081)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »