Ärzte Zeitung, 23.12.2008

Der gesunde Versicherte verliert an Bedeutung

Patienten führen, Krankheitskosten managen - das rückt künftig in den Mittelpunkt der Arbeit von Krankenkassen, aber auch Ärzten.

Von Helmut Laschet

Gesunde Versicherte sind für Krankenkassen auch zukünftig das beste Geschäft: keine Ausgaben, nur Beitragseinnahmen. Gäbe es nur solche Versicherte, wäre die Existenz von Krankenkassen unsinnig. Wichtig ist darum: Was verändert sich durch die Gesundheitsreform? Und da gilt: die gesunden Versicherten verlieren für die Kassen an Bedeutung, die Kranken werden wichtiger.

In ihrer Studie zu möglichen Strategien der Kassen nach Einführung des Gesundheitsfonds prognostizieren die Professoren Volker Ulrich und Eberhard Wille: "Die Krankenkassen sehen durch höhere Zuweisungen für kranke Versicherte offensichtlich die Chance, hier mit einem guten Disease- und Case-Management positive Deckungsbeiträge zu erzielen."

Wie gestalten nun die Kassen künftig ihre Angebote aus? Die Umfrage ergibt ein differenziertes Bild:

  • Fast alle Kassen wollen spezielle Tarife bei Teilnahme an Disease-Management-Programmen anbieten. Dies korreliert mit dem Interesse der Kassen an kranken Versicherten, die in einem Versorgungsmanagement behandelt werden. Zwei Drittel der Kassen wollen Tarife entwickeln für jene Versicherte, die an integrierten Versorgungsformen teilnehmen.
  • Erst an zweiter Stelle stehen Selbstbehalt-Tarife, die 26 von 35 Kassen anbieten wollen.
  • Ebenfalls bedeutend scheinen Tarife zu sein, die Beitragsrückzahlungen bei Nicht-Inanspruchnahme von Leistungen vorsehen.
  • Von eher nachrangiger Bedeutung sind offenbar Hausarzt-Tarife. Angesichts bisheriger Erfahrungen ist eine gewisse Ernüchterung eingetreten.

Interesse der Kassen an Kranken wächst.

Obwohl die letzte Gesundheitsreform unter der großen Überschrift "Wettbewerbsstärkung" stand, sind die Entscheidungen des Gesetzgebers in Wirklichkeit ambivalent. Die Ausgestaltung des Gesundheitsfonds und des Morbi-RSA stärken tendenziell den Leistungswettbewerb. Die Schaffung des Spitzenverbandes Bund schafft auf der Bundesebene zumindest die differenzierende Wirkung der Kassenarten-bezogenen Kollektivverträge ab und wirkt in Richtung eines Einheitssystems. Als Alternative dazu gibt es Selektivverträge:

  • 52 von 56 in der Umfrage antwortende Krankenkassen wollen die neuen Vertragsformen stark nutzen.
  • 35 Kassen sind der Meinung, dass die neuen Vertragsformen kassenartenübergreifende Fusionen oder Kooperationen fördern werden.
  • Als herausragende Partner für Selektivverträge gelten Arzneimittelhersteller. Das ist interessant, weil es solche Verträge im Moment überwiegend nur als Rabattverträge gibt.
  • Bei den anderen Leistungserbringern sind Ärztenetze und Medizinische Versorgungszentren als direkte Vertragspartner gesucht. Wichtig sind den Kassen auch Kooperationen mit Fachärzten, gefolgt von den Hausärzten. Sehr skeptisch ist die Haltung zu Eigeneinrichtungen - die Mehrheit hält dies für keine Option.

Was könnte das Fazit aus Ärztesicht sein? Bei den Kollektivverträgen werden die Kassen wohl - einheitlich - auf die Kostenbremse treten. Dort, wo Kassen eine eigenständige Strategie verfolgen können, haben sie Interesse an Verträgen mit medizinisch und ökonomisch leistungsfähigen Arztgruppen. Für Kassen soll das die Kundenbindung stärken. Ärzte können dafür wichtige Mittler sein.

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