Ärzte Zeitung, 23.02.2009

Gesundheitsfonds, Morbi-RSA, Rabattvertrag, da versteht der Laie oft nur Bahnhof

Paradox: Das Thema Gesundheit geht jeden an. Doch nur wenige Bundesbürger wissen, was sich im Gesundheitswesen abspielt. Nach Ansicht von Experten verbirgt sich dahinter auch ein Kommunikationsproblem.

Von Thomas Hommel

Gesundheitsfonds, Morbi-RSA, Rabattvertrag, da versteht der Laie oft nur Bahnhof

Meinungs-Soße statt Fakten-Aufklärung: Macht- und Interessen-geleitete Kommunikation in der Gesundheitspolitik.

Viele Bundesbürger könnten mit Begriffen wie Gesundheitsfonds oder Morbi-RSA nichts anfangen, stellte Roland Sing, Vize-Präsident des Sozialverbandes VdK, auf dem 2. Kongress Gesundheitskommunikation in Berlin fest. Geradezu "abenteuerlich" werde es, wenn ein Hausarzt seinem Patient erkläre, dass er ihm ein Medikament nicht verschreiben könne, weil seine Kasse mit dem betreffenden Hersteller keinen Rabattvertrag abgeschlossen habe. Da könnten viele Laien nicht mehr folgen.

Die Zahl der Neumitglieder im VdK jedenfalls steige zurzeit kräftig an, sagte Sing. "Das ist auch Ausdruck von Verunsicherung über das, was in der Gesundheitspolitik abläuft." Vor allem ältere Menschen klagten, dass sie immer mehr in das System einzahlten und immer weniger herausbekämen. Und das, obwohl eine Reform die nächste jage und es immer heiße: Alles wird besser. "Da kann doch kein Vertrauen entstehen", ärgerte sich Sinn. Und Durchblick wohl auch nicht. Das Gesundheitssystem müsse in "ruhigeres Fahrwasser" kommen. "Ich kann das Wort Reform nicht mehr hören!"

"Ich kann das Wort Reform nicht mehr hören!"

Zu denen, die von Berufs wegen wissen müssen, warum Reformen im Gesundheitswesen immer wieder nötig sind, gehört Klaus Vater. In den vergangenen sieben Jahren hat der Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) in der Öffentlichkeit gleich für mehrere Reformen von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) - darunter das Gesundheitsmodernisierungsgesetz und das GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz - geworben. Auf dem Kongress in Berlin erklärte Vater, nicht alle Dinge in der Gesundheitspolitik seien gut kommunizierbar. Manches sei sogar sehr schwer zu vermitteln.

Grund? Alle Weichenstellungen im Gesundheitswesen würden zwar "kollektiv organisiert", erläuterte Vater: Der Gesetzgeber sorge für den Rahmen, die Selbstverwaltung aus Ärzten, Kassen und Kliniken sei für die Ausgestaltung des Gesetze zuständig. Die Ergebnisse von Gesundheitspolitik würden dann jedoch "individuell angeeignet": Die Patienten hätten ihre Sichtweise darauf, die Politiker, die Ärzte und Klinikchefs und die Vertreter der Kostenträger ebenfalls. Das schaffe Raum für zahlreiche, mitunter recht unterschiedliche Interpretationen, was sich im Gesundheitswesen wie und vor allem wohin bewegt: zum guten oder zum weniger guten Ende.

Besonders deutlich erlebt habe er den hochideologisierten Gesundheitsbereich während der Einführung des Gesundheitsfonds, erklärte Vater. Der Fonds sei von seinen Gegnern zunächst als "Monster" personalisiert worden. Anschließend sei die Debatte emotionalisiert worden, indem man die Funktionsfähigkeit des Instruments in Frage gestellt habe. Schlussendlich sei man zur "Skandalisierung" übergegangen und habe behauptet: "Wenn ihr das macht, dann bricht das System zusammen." Das BMG habe darauf unter anderem mit einer groß angelegten Info-Kampagne reagiert, um so die "enorme" Leistungskraft der gesetzlichen Krankenversicherung hervorzuheben.

Professor Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer, kritisierte, der Staat überziehe seine Rolle im Gesundheitswesen ganz erheblich: Die Kassen könnten nicht mehr autark über ihren Beitragssatz entscheiden und in den Kliniken habe der Gesetzgeber mit Einführung von Behandlungspauschalen dafür gesorgt, "dass Ärzte ganz andere Gedanken im Kopf haben" - statt den Patienten den schnöden Mammon.

Im Gesundheitssystem greife ein "Verdrängungs- und Vernichtungswettbewerb" um sich. Das gehe inzwischen so weit, dass ein Leistungserbringer vor dem anderen warne. Kommunikation, so umfassend und transparent sie auch sei, könne diesen Scherbenhaufen nicht kitten.

Lesen Sie dazu auch:
Was Ihre Patienten zum Gesundheitsfonds wissen müssen

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