Ärzte Zeitung, 23.02.2009

Was Ihre Patienten zum Gesundheitsfonds wissen müssen

Gesundheitsfonds, Einheitsbeitrag, statt floatender Punktwerte Regelleistungsvolumen – aus toxisch anmutenden Ingredienzien hat der Gesetzgeber eine Gesundheitsreform gebastelt. Bierernst haben Protagonisten der Gesundheitspolitik in Berlin darüber diskutiert. Man kann das aber auch als Realsatire "genießen" – nach dem Motto "Et is noch immer jut jejangen."

Von Gregor Mothes

Gesundheitsfonds - Ideale Grundlage für aufgeblähte Apparate

Foto: TITANIC-Magazin / Martina Werner

Was ist der Gesundheitsfonds?

Die einen sagen so, die anderen so. Die Kassen sagen, er sei ein bürokratisches Monster, das uns alle zerfleischen wird, und hatten deshalb dazu geraten, noch vor dem 1. Januar 2009 zu sterben. Die Bundesregierung meint, es gäbe keinen Grund, den Kopf in den Gasherd zu stecken, es werde nur ein weiterer Topf für neues Geld herausgeholt, nun müsse mal jemand den Abwasch machen. Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte: Der Gesundheitsfonds ist ein Monster, das sich nicht gewaschen hat.

Wozu überhaupt dieser Fonds?

Ulla Schmidt möchte endlich einmal wissen, was so ein Gesundheitswesen im Monat eigentlich kostet. Deshalb soll alles Geld auf ein Konto der Bundesregierung. Außerdem werden dadurch 637 Arbeitsplätze im Rechnungswesen gesichert, die Kantine nicht eingerechnet!

Werde ich von der Einführung des Gesundheitsfonds etwas merken?

Das Perfide am Gesundheitsfonds: Er arbeitet wie die Krankheiten, gegen die er wirken soll, z. B. Krebs, Alkoholismus, Managerdepression. Erst spürt man ihn gar nicht, aber wenn erst der ganze Organismus befallen ist, helfen auch keine Pillen mehr. Deshalb werden sie auch nicht mehr alle bezahlt.

Was geschieht mit den Beiträgen?

Wo es vorher billiger war, ist es teurer, und wo es vorher teurer war, ist es evtl. bald billiger. Aber grämen Sie sich nicht : Das Geld bleibt im Staat, also in der Familie.

Wohin fließt mein Geld?

Prinzipiell den Bach runter, vorher aber wie gehabt direkt vom Gehalt an die Krankenkasse, dann von der Krankenkasse an den Gesundheitsfonds, dann vom Gesundheitsfonds wieder an die Krankenkasse und von der Krankenkasse an den Arzt Ihrer hinfälligen Mutter.

Gibt es denn wieder Sterbegeld?

Sterbegeld gibt es nur dann, wenn auch Sterbehilfe geleistet wird, sowie als Hilfe zur Selbsthilfe. Der Versicherte hat die Nachweise über die Sterbehilfsmittel seiner Wahl (Kassenbelege, Arztquittungen, Kusch-Autogramm) unbedingt vor Todeseintritt bei der Versicherung einzureichen. Wer noch vor Vollendung des 67. Lebensjahres handelt, erhält einen Bonus.

Gibt es sonst irgendwelches Geld?

Krankenkassen, die Gewinn erwirtschaftet haben, können die Gehälter ihrer Vorstände erhöhen. Wenn die Einnahmen dafür nicht ausreichen, dürfen sie Zusatzbeiträge von ihren Versicherten verlangen.

Was kann ich allein dagegen tun?

Juristisch faktisch null. Aber Sie haben mit der Einführung des Gesundheitsfonds die freie Kassenwahl. Das bedeutet: Gefällt ihnen die örtliche Sachbearbeiterin bei der Barmer nicht, schauen Sie sich erst mal die bei der AOK an!

Wird mein künstliches Hüftgelenk in Zukunft noch bezahlt?

Ihre Kasse bekommt bares Geld aus dem neuen Fonds, wenn Sie stolzer Besitzer von mindestens einem der 80 festgelegten Krankheitsbilder sind. Dennoch ist es insgesamt günstiger, wenn Sie der Gemeinschaft nicht unnötig auf der Tasche liegen, indem Sie Ihr Leben unnötig in die Länge ziehen. Es gilt, genau abzuwägen zwischen dem eigenen Nutzen und den Nachteilen für die Gemeinschaft. Übrigens: Haben sie schon ein Hüftgelenk, kann es wiederverwertet werden!

Wer wird sich am Ende durchsetzen: Gesundheitsfonds oder Finanzcrash?

Beide haben viel gemeinsam: Sie sind teuer, unbeliebt und haben löchrige Socken. Wenn die Lage aber annähernd so schlecht bleibt, wie sie jetzt ist, haben beide gute Chancen, am Markt zu bestehen.

Nachdruck aus TITANIC 1/2009
Mit freundlicher Genehmigung der TITANIC-Verlag GmbH & Co. KG www.titanic-magazin.de

Lesen Sie dazu auch:
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