Ärzte Zeitung, 10.03.2009

Immer mehr Häftlinge sind psychisch krank

Rund neun Millionen Menschen sind Schätzungen zufolge weltweit in Haft. Psychische Krankheiten nehmen auch in deutschen Haftanstalten zu.

Von Marion van der Kraats

Trotz besserer Behandlungsmethoden gibt es immer mehr psychisch kranke Häftlinge. Inzwischen sind hinter Gittern viermal so viele Menschen erkrankt, wie "draußen", berichtet Harald Dressing vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim (ZI). Über die exakten Gründe lässt sich nur rätseln.

Denn es fehlt an verlässlichen Daten aus der Haft zu Diagnose, Behandlungsmethode und Effizienz. Dies stellt eine europaweite Studie des Zentralinstituts fest. "Es ist erschreckend: Wir haben ein System, dessen Wirkung nicht beurteilt werden kann", sagt Autor Dressing. "Dies ist für die Gefangenen problematisch und kann zur Gefahr für die Allgemeinheit werden, weil die Nachbehandlung in den meisten Ländern völlig unzureichend geregelt ist."

Untersuchungen in 24 europäischen Ländern

Zwei Jahre lang - zwischen 2005 und 2007 - wurden unter Leitung des Forensikers Dressing und des Soziologen Hans Joachim Salize in 24 europäischen Ländern Daten aus den verschiedenen Gefängnissen ausgewertet. Sie erhielten viele Angaben zu Strukturen, gesetzlichen Abläufen und der Abgrenzung zwischen Psychiatrie und Strafvollzug - und Zahlen. Beispielsweise darüber, wie viele Selbsttötungen begangen werden hinter Gittern. "Die sind überall säuberlich aufgeführt", sagt Dressing.

Blick nach draußen, wo die Freiheit lockt. Experten beklagen eine desolate Versorgung in deutschen Gefängnissen.

Foto: imago

Was fehlt, sind laut Studie aber detaillierte Angaben zur Behandlung psychisch kranker Straftäter. So wurde nicht dokumentiert, ob Gefangene bereits vor der Haft psychisch krank waren oder es durch die Haft geworden sind, welche Therapie angewandt wurde und ob sie erfolgreich war. "Wir können noch nicht mal sagen - auch für Deutschland nicht -, wie viel Geld dafür ausgegeben wird", berichtet der 51-Jährige. Eine Untersuchung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (2002 und 2003) ergab, dass in der Vollzugsanstalt Bochum 88 Prozent der Inhaftierten an psychischen Erkrankungen litten. Nach Ansicht der Gesellschaft sind die Daten bundesweit übertragbar. "Die Ergebnisse haben das aufgezeigt, was allen, die in dem System arbeiten, schon längst auf der Hand liegt: Die Versorgung der Gefangenen ist desolat", sagte der Präsident der Gesellschaft, Frank Schneider, kürzlich in Aachen.

Andere Untersuchungen stützen dies. So kommen Forschungsprojekte zu dem Schluss, dass außerhalb der Gefängnismauern etwa ein Prozent der Menschen an einer Persönlichkeitsstörung leiden. Hinter Gittern sind es nach Ergebnissen in den USA 47 Prozent. Ein weiteres Indiz für psychische Erkrankungen von Häftlingen liefert der Verbrauch von Psychopharmaka. Die wenigen verfügbaren Daten aus dem Strafvollzug - so die Mannheimer Studie - weisen auf einen drei- bis vierfach erhöhten Pro-Kopf-Verbrauch hin. Angaben zur Verschreibungspraxis fehlen jedoch.

"Politiker geben lieber Geld für Sicherungsanlagen aus"

"Dabei geschieht inzwischen eine Menge in den Anstalten", betont der Kriminologe Rudolf Egg aus Wiesbaden. Insbesondere mit dem Entstehen Sozialtherapeutischer Anstalten vor etwa zehn Jahren habe sich die psychologische Behandlung in der Haft deutlich verbessert. Die Forschung werde allerdings vernachlässigt. "Die Politiker geben das Geld lieber für Sicherungsanlagen aus - das sieht man in der Öffentlichkeit." Zwar gebe es inzwischen einen "Kriminologischen Dienst", der sich als Bindeglied zwischen Praxis und Wissenschaft verstehe. "Wenn so eine Stelle aber nur mit einer Person besetzt ist, ist das Kosmetik", sagt Egg.

Die Mannheimer ZI-Forscher warten nun auf die Reaktion aus Brüssel. Sie haben der Europäischen Kommission empfohlen, künftig mehr Daten zu sammeln und eine europaweite Standardisierung einzuführen. "Es geht um eine angemessene Behandlung der Gefangenen, die Sicherheit der Bevölkerung - und die Finanzierung", erklärt Dressing. "Wir haben kein Geld zu verschenken. Darum sollte man wissen, wofür es und mit welchem Nutzen es ausgegeben wird." (dpa)

Internet: www.zi-mannheim.de

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