Ärzte Zeitung, 11.03.2009

Eine Zukunft für den Harzer "Zauberberg"

Das Büro des britischen Stararchitekten David Chipperfield erarbeitet ein Konzept für das Jugendstil-Sanatorium in Braunlage. In der Klinik wird außerdem ein medizinisches Versorgungszentrum eingerichtet.

Von Heidi Niemann

Äußerlich wenig spektakulär, im Inneren aber ein einzigartiges Gesamtkunstwerk: Das Sanatorium Dr. Barner in Braunlage im Harz.

Fotos: Rink/pid

BRAUNLAGE. Von außen wirkt das Krankenhaus und Sanatorium Dr. Barner in Braunlage im Harz eher unspektakulär: Links und rechts zwei Villen aus der Gründerzeit, in der Mitte ein Verbindungsbau im Stil eines Grandhotels. Doch im Inneren findet der Besucher ein Gesamtkunstwerk, wie man es nirgends sonst in Deutschland zu sehen bekommt.

Wie auf dem Zauberberg: In der Liegehalle im Sanatoriumspark können Patienten Ruhe finden und die klare Höhenluft genießen.

Jeder Raum ist bis ins letzte Detail in den geometrischen Formen des späten Jugendstils durchgestaltet - von den durchmusterten Linoleumböden über Linkrusta-Tapeten und Wandpaneelen aus russischer Birke bis hin zu den Möbeln und Stuckdecken. Selbst Türklinken, Lampen und Besteck sind noch im Originalzustand erhalten. Wie aber lässt sich das einmalige Ambiente, das an Thomas Manns "Zauberberg" erinnert, für die Zukunft bewahren? Sanatoriumsbetreiber und Denkmalpfleger haben jetzt eine Lösung gefunden, die weit über den Harz hinaus strahlt: Das Berliner Büro des britischen Architekten David Chipperfield hat einen Masterplan für die Sanierung erstellt.

Reconvaleszentenheim für "bessere Stände"

David Chipperfield hat bereits weltweit Museumsbauten realisiert, unter anderem das Literaturmuseum der Moderne in Marbach am Neckar. Er erhielt auch den Auftrag für den Wiederaufbau des Neuen Museums in Berlin. Dass sein Berliner Büro nun auch im Harz tätig wird, liegt an einer privaten Verbindung: Der Geschäftsführer des Braunlager Sanatoriums, Johann Barner, ist Kunsthistoriker und hat gemeinsam mit einem heutigen Mitarbeiter des Architekturbüros studiert. Sein Urgroßvater hatte das Sanatorium Anfang des 20. Jahrhunderts als "Reconvaleszentenheim der besseren Stände" gegründet. Die Patienten rekrutierten sich vor allem aus dem gehobenen Bürgertum. Kaufleute erholten sich hier vom beruflichen Stress, aber auch Schriftsteller und Künstler.

Belegung ist gut und die Warteliste lang

Einer der ersten Patienten war der Tischler und Architekt Alwin Müller, der später Leiter der Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt wurde. Ihm gefiel das Ambiente der Gründerzeit nicht - und so durfte er nicht nur eine neue Einrichtung für die beiden Villen entwerfen, sondern bekam auch den Auftrag für einen großen Erweiterungsbau, der beide Villen miteinander verbindet.

Damals wie heute verfolgt das Sanatorium Dr. Barner ein ganzheitliches Behandlungskonzept. Heute ist es eine moderne Fachklinik für Psychosomatik, Psychotherapie und Allgemeinmedizin. 60 Patienten werden hier behandelt, ebenso viele stehen auf der Warteliste. "Wir sind sehr gut belegt", sagt Barner. Ein Schwerpunkt ist die Behandlung von Traumafolgestörungen. Bei vielen Patienten geht es auch um therapeutische Hilfe zur Bewältigung von körperlichen Erkrankungen, beispielsweise nach einem Herzinfarkt. Jeder Patient bekommt eine individuell abgestimmte Therapie, die psychotherapeutische Behandlung findet ausschließlich in Einzelsitzungen statt. "Es ist eine sehr persönliche Betreuung", sagt die ärztliche Leiterin Dr. Ulrike Manegold. Auch die Architektur unterstützt den therapeutischen Prozess. Durch sie fühlen sich die Patienten in eine andere Zeit versetzt und bekommen Distanz zu ihrem normalen Leben.

Im prächtig anmutenden Musikzimmer finden auch heute noch regelmäßig klassische Konzerte statt.

Insgesamt sind rund 60 Mitarbeiter in der Klinik tätig. "Damit sind wir der zweitgrößte Arbeitgeber in Braunlage", sagt Geschäftsführer Barner. Mit dem medizinischen Betrieb lasse sich aber nicht die Unterhaltung des denkmalgeschützten Gebäudes finanzieren. "Das geht nur mit Mitteln von außen." Deshalb hat das Sanatorium jetzt eine neue Organisationsstruktur bekommen. Seit dem 1. Januar gehen das Gebäude und das Grundstück in das Eigentum einer Stiftung über, die sich in der Obhut der Deutschen Stiftung Denkmalschutz befindet.

Medizinisches Versorgungszentrum geplant

Insgesamt sollen mit ihrer Unterstützung in den nächsten 25 Jahren rund sieben Millionen Euro für die Instandhaltung und Sanierung des Jugendstilensembles aufgewendet werden. Der Masterplan sieht ein behutsames Vorgehen vor. Lediglich der Eingang wird komplett neu gestaltet. Dieser dient dann auch als Zugang zu dem geplanten neuen medizinischen Versorgungszentrum für Braunlage, das Anfang nächsten Jahres eröffnet werden soll. Im Sockelgeschoss, wo sich einst die Wäscherei befand, sollen Arztpraxen und eine Ambulanz eingerichtet werden. Neben einem Allgemeinmediziner werden dort auch eine Gynäkologin und ein Internist tätig sein. "Wir suchen außerdem noch einen ärztlichen Psychotherapeuten", sagt Barner.

Atmosphäre soll trotz Sanierung erhalten bleiben

Bei den übrigen Sanierungsmaßnahmen handele es sich vor allem um vorsichtige Reparaturen. "Wir wollen das Gebäude auf einen moderneren Stand bringen, aber die Atmosphäre des Hauses erhalten." Dies gilt nicht nur für das äußere Erscheinungsbild. Auch manche Rituale haben sich nicht geändert: Genau wie vor 100 Jahren ruft der Gong zum Essen, und auch der "Kabinettpudding" steht immer noch als Nachtisch-Klassiker auf der Speisekarte - den die Patienten und Gäste im blauen, gelben oder grünen Speisesaal verzehren können. Das Krankenhaus und Sanatorium Dr. Barner in Braunlage bietet übrigens jeden Samstag um 15 Uhr eine Führung durch das Haus an. Im Musikzimmer finden regelmäßig Konzerte statt.

www.sanatorium-barner.de

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