Kongress, 27.05.2009

Uniklinika: Die Schonfrist ist abgelaufen

Deutschlands Unikliniken wurden viele Jahre aus der Debatte um Veränderungen ausgeklammert. Inzwischen zwingt der Umbruch am Klinikmarkt die Premiumhäuser zum Umdenken. Um überleben zu können, verlangen ihre Manager mehr unternehmerische Freiheit und weniger staatliche Gängelei.

Von Thomas Hommel

Hoffnungsträger oder doch Sanierungsfall: Die Zukunft mancher Uniklinik ist ungewiss.

Foto: Uni Greifswald

BERLIN. Am Perinatalzentrum des Uniklinikums Jena sind die leichtesten Fälle mitunter die schwersten. Rund um die Uhr werden dort deutlich zu früh geborene Babys versorgt. Die kleinsten von ihnen wiegen gerade einmal 500 Gramm und überleben ihren Frühstart trotzdem. Zu verdanken haben sie das den Errungenschaften der Hochschulmedizin.

"Universitätsklinika sind die Anlaufstelle für die kompliziertesten Fälle", erklärt Dr. Andreas Tecklen-burg, Vizepräsident der Medizinischen Hochschule Hannover. "Wenn irgendwo ein Fall Schwierigkeiten bereitet, wo kommt er hin? Ins Universitätsklinikum", bestätigt Professor Gebhardt von Jagow, Präsident des Medizinischen Fakultätentages. "Universitätsklinika machen Supramaximalmedizin."

Europas größte Uniklinik setzt auf Leistungskonzentration.

Foto: Charité

"Universitätsklinika sind die Premiummarke der deutschen Medizin", betont auch Professor Jörg Rüdiger Siewert, Vorstandsvorsitzender des Uniklinikums Heidelberg und Vorsitzender des Verbandes der Universitätsklinika Deutschlands (VUD). Denn nirgendwo sei die Nähe der praktischen Medizin zum medizinischen Fortschritt so gefragt wie an den Universitätsklinika.

Uniklinika - Premiummarke deutscher Medizin

Das hat den Unikliniken einen festen Platz in der Krankenversorgung beschert: Zuletzt versorgten die Häuser rund 1,6 Millionen Patienten - neun Prozent aller stationären Krankenhausfälle in Deutschland. Doch damit nicht genug: An den Universitätsklinika werden klinische Studien er-stellt und neueste Forschungsergebnisse beim Patienten angewendet. Nahezu alle Ärzte werden an Unikliniken ausgebildet. Hochschulmedizin ist die "Verbindung von Krankenversorgung, Forschung und Lehre", fasst Tecklenburg den Kodex der Elitehäuser zusammen.

Die Universitätsklinika gehören aber auch zu den Sorgenkindern der Gesundheitswirtschaft. "Die Krise ist längst da", glaubt Klinikberater Professor Heinz Lohmann. Sorgen bereite den Hochschulmedizinern vor allem die "Schere zwischen Kosten und Erlösen". Eine Ursache dafür wird in den Krankenhaus-Fallpauschalen gesehen. "Etwa zehn Prozent der Fälle, die in Unikliniken behandelt werden, sind so kompliziert, dass sie nicht vom DRG-System gedeckt sind - sie verursachen aber 50 Prozent der Kosten", sagt von Jagow. "Das DRG-System ist ein lernendes System, aber in der konkreten Anpassung auf die Bedürfnisse der Patientenversorgung zu träge", sagt Barbara Schulte, Vorstandsmitglied Wirtschaftsführung und Administration an der Universitätsmedizin Göttingen. Komplexe Behandlungsabläufe würden nicht adäquat finanziert. Deshalb müsse das System nachjustiert werden. Ansonsten blieben die Unikliniken auf einem Teil ihrer Behandlungskosten sitzen, befürchtet die Managerin.

Etwa ein Drittel der Häuser schreibt rote Zahlen

"Die wirtschaftliche Lage der Uniklinika ist ähnlich wie bei den Krankenhäusern insgesamt", glaubt der Münchner Gesundheitsökonom Professor Günter Neubauer. "Grob gesprochen dürfte ein Drittel schwarze Zahlen, ein Drittel rote Zahlen und ein Drittel Plus-Minus-Null schreiben." Schwarze Zahlen schreibe ein Uniklinikum dann, wenn es sich konsequent auf Schwerpunkte im Bereich der Maximalmedizin konzentriert. "Auf mittlere Sicht halte ich es nicht für vertretbar, dass Uniklinika Leistungen im Bereich der Regelversorgung - wie zum Beispiel Gallenblasen-Operationen - anbieten." Das könnten sie getrost anderen Kliniken überlassen, empfiehlt Neubauer. "Konzentration auf komplexe Medizin ist ein wichtiger Aspekt bei der Portfolioentwicklung", lautet auch der Ratschlag von Berater Lohmann.

"Universitätsklinika setzen schon lange auf Spezialisierung", entgegnet der Heidelberger Siewert. Um wirtschaftlicher zu arbeiten, bräuchten die Häuser vor allem mehr Autonomie und weniger staatliche Aufsicht. Den Einwand, in den Aufsichtsgremien der Klinika sei zu wenig ökonomischer Sachverstand vertreten, stuft Siewert als "berechtigt" ein. "Die Aufsichtsräte sind staatlich dominiert, wobei das Problem darin besteht, dass die staatlichen Vertreter auf der einen Seite die Interessen des jeweiligen Landes, auf der anderen Seite die Interessen der Universitätsklinika vertreten müssen." Beides lasse sich häufig nicht unter einen Hut bringen.

Stiftung und Konzentration als Lösungswege?

Entstaatlichung hält auch Professor Jörg Debatin, Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums in Hamburg-Eppendorf, für zwingend notwendig, um die Unikliniken in ruhigeres Fahrwasser zu bringen. Entstaatlichung bedeute aber nicht Privatisierung. Als Alternative komme das Modell einer Stiftung privaten Rechts in Betracht. "Diese Lösung bietet alle unternehmerischen Freiheiten ohne den gleichzeitigen Renditedruck der privaten Betreiber."

An Europas größtem Universitätsklinikum, der Berliner Charité, heißt das Lösungswort des Vorstandsvorsitzenden Professor Karl Max Einhäupl derweil: Leistungskonzentration. "Wir müssen Abschied nehmen vom Gießkannenprinzip." Ein neues Strukturkonzept soll dafür sorgen, dass an den Standorten der Charité unterschiedliche regional und überregional wahrnehmbare Schwerpunkte in der Krankenversorgung entstehen. Hierbei will sich die Charité an den häufigsten Krankheitsbildern der Bevölkerung orientieren. So sollen die Kompetenzen für Herz-Kreislauf-Medizin sowie für Tumore und Erkrankungen des Nervensystems an jeweils einem der drei Campi zusammengefasst werden. "Das hat finanzielle und strukturelle Vorteile", sagt Einhäupl. Teure Geräte müssten nur an einem Campus vorgehalten werden, die Experten könnten sich direkt austauschen.

Dass nicht jede Uniklinik auf Dauer erfolgreich ist, prophezeit indes Experte Lohmann. "In zehn Jahren gibt es viele Uniklinikbetrieben nicht mehr. Der Uniklinikmarkt kommt gewaltig in Schwung - zu Recht!"

Absturz oder Höhenflug: Universitätskliniken quo vadis?
29. Mai, 14.00 - 15.45 Uhr Saal 6

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