Ärzte Zeitung, 29.05.2009

Wie stark Fluglärm krank macht, hängt vor allem vom persönlichen Empfinden ab

Fluglärm macht krank. Entscheidend dafür ist jedoch nicht der tatsächlich messbare Lärmpegel, sondern das subjektive Empfinden, wie die Auswertung einer Feldstudie aus dem Jahr 2005 jetzt ergeben hat.

Von Pete Smith

Wie stark Fluglärm krank macht, hängt vor allem vom persönlichen Empfinden ab

Ein startendes Flugzeug wird als achtmal so laut empfunden wie ein Presslufthammer - wobei das Empfinden natürlich stark von der Entfernung abhängt.

Menschen, die sich stark oder extrem durch Fluglärm belästigt fühlen, leiden häufiger unter Erschöpfungssymptomen, Kopfschmerzen, Brustschmerzen und ärztlich diagnostizierter chronischer Bronchitis als jene, die dem Lärm zwar auch ausgesetzt sind, sich jedoch nicht übermäßig durch ihn gestört fühlen. Das zeigt eine Studie des Amtes für Gesundheit der Stadt Frankfurt.

Wie stark Fluglärm krank macht, hängt vor allem vom persönlichen Empfinden ab

Foto: Andrew Barker ©www.fotolia.de

Im Auftrag der Frankfurter Umwelt- und Gesundheitsdezernentin Dr. Manuela Rottmann (Die Grünen) hat das Amt eine von April bis Dezember 2005 vorgenommene Feldstudie speziell unter dem Blickwinkel der Gesundheitsvorsorge auswerten lassen. Der Hagener Psychologe Dirk Schreckenberg hatte damals für das Regionale Dialogforum Flughafen Frankfurt (RDF) insgesamt 2312 Personen aus 66 Wohngebieten im Umkreis von bis zu 40 Kilometern um den Frankfurter Flughafen befragt. Die Daten dieser so genannten RDF-Belästigungsstudie wurden nun mit Werten aus den Bundesgesundheitssurveys von 1998 und 2003 sowie mit Resultaten aus anderen internationalen Fluglärmwirkungsstudien verglichen.

Die Annahme, dass die Zahl der Krankheiten steigt, je höher der messbare Lärmpegel ist, konnte in der aktuellen Untersuchung nicht bestätigt werden. Die Autoren weisen jedoch ausdrücklich darauf hin, dass damit keineswegs andere Studien, die beispielsweise ein höheres Risiko für Bluthochdruck in besonders lärmbelasteten Regionen festgestellt haben, widerlegt seien.

Die RDF-Studie hatte ergeben, dass sich im Rhein-Main-Gebiet 22,8 Prozent der befragten Personen im Alter zwischen 17 und 93 Jahren (55 Prozent Frauen, 45 Prozent Männer) durch den Fluglärm "stark", 18,1 Prozent sogar "äußerst" belästigt fühlen.

Lärmempfindliche leiden besonders stark

Durch die neue Auswertung der Studie konnte nun gezeigt werden, dass diese Menschen tatsächlich häufiger unter Erschöpfungssymptomen, Kopf- und Brustschmerzen sowie chronischer Bronchitis leiden als jene, die sich durch Fluglärm "mittelmäßig" (23 Prozent), "etwas" (21 Prozent) oder "überhaupt nicht" (16 Prozent) gestört fühlen. So war die Wahrscheinlichkeit eines übermäßigen Schlafbedürfnisses bei jenen, die sich "äußerst" belästigt fühlen, 2,9-fach höher als bei denen, die sich "überhaupt nicht" durch Fluglärm gestört fühlen, die Wahrscheinlichkeit, unter Müdigkeit zu leiden, 2,8-fach erhöht. Signifikant höher war auch die Häufigkeit von Brustschmerzen, die die Autoren unter "Herzbeschwerden" einordnen.

Zahl der Krankheiten steigt nicht mit dem Lärmpegel.

Noch gravierender sind die Gesundheitsbeschwerden jener Bürger, die sich selbst als "ziemlich lärmempfindlich" (13,9 Prozent der Befragten) oder als "sehr lärmempfindlich" (5,2 Prozent) bezeichnen. In dieser Gruppe wies die Studie eine auffallende Häufung von Erschöpfungssymptomen, Magen- und Darmbeschwerden sowie Gliederschmerzen und Herzbeschwerden nach. Darüber hinaus diagnostizierten die Ärzte bei lärmempfindlichen Menschen auffallend oft Asthma, Arthritis, Hauterkrankungen, Migräne und Rückenschmerzen.

In der Studie hatten auf die Frage "Für wie empfindlich halten Sie sich im Allgemeinen gegenüber Lärm?" 33 Prozent mit "mittelmäßig", 36 Prozent mit "wenig" und zwölf Prozent mit "nicht" geantwortet. Jene, die sich selbst als "sehr lärmempfindlich" bezeichneten, litten etwa fünfmal häufiger unter Sodbrennen, Magenschmerzen und "anfallsweisen Herzbeschwerden" als die Unempfindlichen, die Asthma-Häufigkeit war fast sechsfach erhöht. Die Auswertung bestätigte auch den bereits in anderen Studien nachgewiesenen Zusammenhang zwischen Lärmempfindlichkeit und Bluthochdruck.

Ein Nachtflugverbot reicht Lärmempfindlichen nicht

"Menschen haben offenkundig ein unterschiedliches Sensorium für den Lärm", bilanzierte Gesundheitsdezernentin Rottmann. "Für die Hälfte der Menschen im Umfeld des Flughafens ist Fluglärm schon heute ein großer Belastungsfaktor, bei einem Fünftel ist er auffallend oft mit körperlichem und seelischem Leid verbunden." Aus diesem Grund sei es nicht ausreichend, den Ausbau des Frankfurter Flughafens mit einem Nachtflugverbot zu verknüpfen. Rottmann: "Es muss jede Möglichkeit der Lärmminderung genutzt werden."

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