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Ärzte Zeitung, 31.08.2009

Priorisierung - Ärzte werden allein gelassen

Die Ressourcen im Gesundheitswesen sind knapp. Die Folge: Leistungen müssen eingeschränkt werden. Doch wer entscheidet darüber - und nach welchen Kriterien?

Von Ilse Schlingensiepen

Priorisierung - Ärzte werden allein gelassen

Professor Jürgen Wasem: "Den GKV-Katalog weiterentwickeln!"

Foto: ami

MÜNSTER. An Einschränkungen des Leistungskatalogs wird in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) angesichts begrenzter Ressourcen kein Weg vorbeiführen. Davon ist der Gesundheitsökonom Professor Jürgen Wasem überzeugt. Doch auch klare Vorgaben zur Begrenzung der Leistungsansprüche werden die Ärzte nicht aus der individuellen Verantwortung entlassen, sagte Wasem auf dem zweiten Westfälischen Ärztetag in Münster. "Medizin ist nur begrenzt standardisierbar. Als Ärzte werden Sie entscheiden müssen, wer etwas mehr und wer etwas weniger braucht." Neben expliziten Ausgrenzungen, auf denen der klare Schwerpunkt liegen sollte, werde es immer auch implizite Rationierung geben. "Wir brauchen ökonomische Anreize für Ärzte, damit sie damit verantwortlich umgehen", betonte Wasem.

Politik muss die Kritierien für Priorisierung benennen

Für notwendig hält er einen gesellschaftlichen Diskurs darüber, nach welchen Kriterien der Leistungskatalog der GKV weiterentwickelt werden soll. Die Politiker täten sich mit einer solchen kriteriengestützten Priorisierung schwer. "Die Politik duckt sich weg und lädt das Problem beim IQWIG ab." Ein wissenschaftliches Institut könne eine solche gesellschaftliche Aufgabe aber nicht leisten.

Wasem sieht die Politiker auch auf einem weiteren Gebiet gefordert: Die Folgen gesundheitspolitischer Entscheidungen auf die Versorgung müssten viel stärker erforscht werden. Beispielsweise müsse untersucht werden, wie sich Ärzte unter den Regelleistungsvolumina (RLV) verhalten und welche Auswirkungen das auf die Versorgung hat. Ein weiteres Forschungsgebiet: "Wie verhalten sich die Krankenkassen mit Blick auf die Krankheiten, die nicht durch den morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich erfasst werden?"

Wer entscheidet über Leistungsbegrenzung?

Dr. Arnd May, Lehrbeauftragter des Instituts für Philosophie der RuhrUniversität Bochum, plädierte für eine gesellschaftliche Diskussion über Verfahren und Kriterien der Leistungsbegrenzung. "Für mich ist das Problem nicht die explizite Rationierung, sondern es sind die Kriterien, die in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen." Hier gehe es um eine Wertediskussion. "Ganz offen ist die Frage: Wer soll über Leistungsbegrenzungen entscheiden", sagte May.

Auch wenn es im Gesundheitswesen schon genug Gremien gebe, sei für die Erarbeitung einer Priorisierungsliste ein "Bürgerrat" oder "Bundesgesundheitsrat" nötig, sagte der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Dr. Theodor Windhorst. In diesem Rat sollten Ärzte, Patienten, Kostenträger und Politiker sitzen.

Vorbild könnte nach Windhorst die Priorisierungsordnung in Schweden sein. Dort sind vier Hierarchieebenen für die gesundheitliche Versorgung aufgestellt. Sie reichen von der Notfallversorgung und der Behandlung schwerer und chronischer Krankheit bis hin zur Versorgung aus anderen Gründen als Krankheit oder Schaden. Auf die unterste vierte Ebene, die nicht von der GKV-Solidargemeinschaft zu finanzieren ist, gehört für Windhorst "das gesamte Reservoir an versicherungsfremden Leistungen" sowie Bereiche wie Akupunktur oder Homöopathie. Nur so könnten Ärzte auch künftig dafür sorgen, dass die wirklich Kranken bekommen, was sie brauchen. Den Schritt von der Zuwendungs- zur Zuteilungsmedizin wollten Ärzte nicht gehen. "Die Zuwendungsmedizin ist unsere Zukunft, und sie ist das, was die Patienten von uns wollen."

Die Ärzte steckten in einem Dilemma zwischen individualethischer Prägung der Berufsordnung und sozialethischer Ausrichtung der GKV, sagte der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe Dr. Ulrich Thamer. "Der Arzt ist in einem sehr belastenden Spannungsfeld, in dem ihm derzeit keiner hilft, sondern er wird hängen gelassen", sagte Thamer. "Kranke Patienten bleiben in diesem Spannungsfeld oft im Regen stehen", kritisierte der KV-Chef.

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