Ärzte Zeitung, 09.10.2009

Wie verstehe ich Demenzkranke besser?

Die Stärken von Demenzkranken fördern und ihnen Erfolgserlebnisse verschaffen, das ist das Ziel des neuen Betreuungskonzeptes "Tandem" der Gerontopsychologin Dr. Julia Haberstroh, Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe Gerontopsychiatrie des Klinikums der Goethe-Universität in Frankfurt.

Von Sabine Schiner

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"Wenn die Kommunikation falsch läuft, ist Frust programmiert." Dr. Julia Haberstroh Gerontopsychologin

FRANKFURT/MAIN. "Tandem" steht für "Trainingsangebote zur Kommunikation in der Betreuung demenzkranker Menschen." Je weiter vorangeschritten die Erkrankung ist, desto wichtiger wird es für pflegende Angehörige oder Altenpfleger, auf die Körpersprache der Kranken zu achten. Julia Haberstroh beschäftigt sich seit Jahren mit diesem Thema: "Kommunikation ist wichtig für die Lebensqualität." Für ihr Betreuungskonzept "Tandem im Pflegeheim" hat sie im Juli den Cäcilia-Schwarz-Förderpreis für Innovation in der Altenhilfe bekommen.

Das Kommunikationstraining gibt es für Angehörige von Demenz-Patienten und für Pfleger. Im Vordergrund steht bei beiden Modulen der Erfahrungsaustausch. "Es gehört aber auch die Burnout-Prävention dazu", erklärt Julia Haberstroh im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Altenpfleger seien eine Hochrisikogruppe, was Burnout anbelangt. "Sie leisten viel, trotzdem werden sie schlecht bezahlt und auch noch für Missstände in der Pflege verantwortlich gemacht." Dabei seien für die Vernachlässigung von Patienten oft die Strukturen schuld.

In den Trainings-Gruppen gibt Julia Haberstroh alltagstaugliche Tipps: Blick- und Körperkontakt zu den Kranken aufnehmen, ruhig und deutlich mit ihnen reden und auf die Körpersprache achten. "Aber auch wenn Demenzkranke noch ganze Sätze reden können, klappt die Verständigung nicht automatisch." Etwa, wenn eine Kranke zu ihrer Pflegerin sagt: "Du bist meine Mutter." Übersetzt kann das bedeuten: Ich mag dich. "Wenn die Pflegerin das Kompliment nicht versteht und widerspricht, ist die Patientin frustriert", sagt die Psychologin.

Hilfestellung geben ist deshalb wichtig. Die Reaktionen auf die Trainingseinheiten, so Julia Haberstroh, seien durchweg positiv. Die Evaluation zeige zudem, dass an Trainingstagen die Stimmung der Pflegenden "signifikant besser ist." In vielen Einrichtungen werde das Konzept bereits umgesetzt. Das "Tandem" ist Teil von "Quadem", es gehört zu dem vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Leuchtturmprojekt Demenz.

Mit der Entwicklung der Module ist Julia Haberstroh zufrieden. Bedauerlich findet sie, dass Demenzkranke häufig noch stigmatisiert werden. "Demenz wird oft mit Schwachsinn gleichgesetzt, weil sich die Kranken nicht immer so verhalten, wie es die Gesellschaft wünscht." Und in der Öffentlichkeit werde über Demenz in der Regel nicht geredet. Das mache es vor allem für pflegende Angehörige sehr schwer. "Dabei haben Demenzkranke auch ihre Stärken. Sie müssen nicht vor der Öffentlichkeit versteckt werden."

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