Ärzte Zeitung, 22.10.2009

"Charité war Beispiel für aktive Gestaltung durch Politik"

Ging es der Charité früher besser als heute? Beurteilen kann das der Medizinhistoriker Professor Volker Hess, Leiter des Instituts für Medizingeschichte der Charité. Er hat im Gespräch mit Angela Mißlbeck die aktuelle Situation der größten Uniklinik Europas vor dem historischen Hintergrund beleuchtet.

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,, Mit der Vertreibung der jüdischen Intelligenz hat die Berliner Medizin ihre weltweite Attraktivität verloren - und bis heute nicht mehr erreicht. Professor Volker Hess Leiter des Instituts für Medizingeschichte der Charité

Ärzte Zeitung: Professor Hess, die finanzielle Situation der Charité sieht derzeit nicht gerade rosig aus. Gab es schon ähnlich schwierige Situationen und wie wurden die gelöst?

Volker Hess: Die Klagen über eine chronische Unterfinanzierung der Charité sind so alt wie das Krankenhaus selbst. Es fehlte Geld für angemessene Verpflegung der Kranken, ausreichende Betreuung der Pflegebedürftigen und es mangelte an Arzneimitteln, Feuerholz und Bettwäsche. Am Ende des 18. Jahrhunderts war das Königliche Krankenhaus in einem so miserablen Zustand, dass manche spotteten, die Charité würde in Berlin das leisten, was andernorts die Erfindung des Herrn Guillotin vollbringe. Diese Mängel betrafen aber nur die Krankenversorgung. Für die Ausbildung von Ärzten und die medizinischen Wissenschaften stellte der Preußische Staat immer mehr Geld zur Verfügung.

Ärzte Zeitung: Womit begann die bis heute anhaltende Anziehungskraft und Sogwirkung der Charité auf Studenten und Ärzte?

Hess: Man muss hier zwischen der Charité und den Einrichtungen der medizinischen Fakultät unterscheiden. In der Gunst der auswärtigen Besucher standen die Universitätsfrauenklinik in der heutigen Tucholskystraße und die Chirurgischen Universitätskliniken in der Ziegelstraße, ganz oben. Die Charité mit ihrem breiten Versorgungsauftrag blieb zunächst außen vor.

Die kleineren Universitätskliniken hatten im Gegensatz zur Charité weniger Kranke zu behandeln, und waren damit eher in der Lage, neue und experimentelle Verfahren einzusetzen und zu erproben. Viele angehende Ärzte und Wissenschaftler kamen nach Berlin, um Johannes Müller, Lukas Schönlein oder Karl Ferdinand von Graefe zu hören - und das setzte sich über das ganze 19. Jahrhundert bis in die 1920er Jahre fort. Erst mit der Vertreibung der jüdischen Intelligenz hat die Berliner Medizin ihre weltweite Attraktivität verloren - und bis heute nicht mehr erreicht.

Ärzte Zeitung: Pünktlich zur 300-Jahr-Feier beginnt der Regierende Bürgermeister öffentlich Interesse für "seine" Uniklinik zu bekunden - wie stand es in der Vergangenheit um die Wertschätzung der Charité bei der Politik?

Hess: Die Charité war als Königliche Einrichtung der Berliner Kommunalpolitik entzogen, und die preußische Regierung begriff die Medizin - als klinische Praxis und als theoretische Wissenschaft - als einen entscheidenden Schlüssel für Fortschritt und Prosperität des Staates. Das schloss mehr ein als nur "Interesse".

Vielmehr verstand die Kultusverwaltung sowohl die gezielte kurzfristige Förderung als auch den langfristigen strategischen Ausbau der medizinischen Wissenschaften als zentrale Aufgabe des eigenen Handelns. Die Professoren der Universität mögen nicht immer glücklich gewesen sein über die Eingriffe des Staates.

Doch die aktive politische Gestaltung - eben nicht Mangelverwaltung, sondern die gezielte Förderung - sowohl zu Beginn des 19. Jahrhunderts als auch in der Ära Althoff am Ende des 19. Jahrhunderts ist bis heute ein Musterbeispiel dafür, was eine überlegte und langfristig denkende Politik leisten kann.

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