Ärzte Zeitung, 23.11.2009

Heikle Fragen richtig zu stellen, will gelernt sein

In Arztpraxen und Krankenhäusern suchen immer wieder Frauen Hilfe, denen von ihren Partnern Gewalt angetan wurde. Für Ärzte und Pflegekräfte ein sensibles Thema.

Von Katja Schmidt

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Zwei Drittel aller Gewalttaten gegen Frauen ereignen sich im häuslichen Umfeld. Mit den Opfern ins Gespräch zu kommen, ist oft nicht so leicht.

Foto: imago

KASSEL. Ein Report der Weltgesundheitsorganisation WHO hat es gerade noch einmal bestätigt: Gewalt ist ein zentrales Gesundheitsproblem für Frauen - und eines das weltweit verbreitet ist. Häufigste Aggressoren sind männliche Partner. Höhere Raten psychischer Leiden, ungewollter Schwangerschaften und Fehlgeburten sind nur einige der Folgen. Und noch finden die Opfer nicht in ausreichendem Maße medizinische Hilfe, kritisierte WHO-Generaldirektorin Margaret Chan Anfang November.

In Deutschland gibt es seit einigen Jahren Bemühungen, die medizinische Versorgung und Hilfe für Opfer häuslicher Gewalt systematisch zu verbessern - zum Beispiel am Klinikum Kassel. Rund 200 Mitarbeiter, so das Krankenhaus, wurden dort in den vergangenen drei Jahren für das Thema geschult. Das Klinikum beteiligt sich am S.I.G.N.A.L-Interventionsprojekt gegen Gewalt an Frauen - und arbeitet dabei mit einem regionalen Bündnis zusammen, in dem sich auch nordhessische Kommunen, Frauenhäuser und die Polizei engagieren.

Gewaltopfer kommen aus jeder Bevölkerungsschicht

In den Schulungen am Klinikum wird nicht nur Basiswissen vermittelt, es geht auch um praktisches Know-How: Die Beschäftigten lernen, dass Akademikerinnen genauso von häuslicher Gewalt betroffen sein können, wie Frauen aus marginalisierten Gesellschaftsgruppen. In Rollenspielen übt das Personal, Patientinnen, die mit Verletzungen eingeliefert werden, heikle Fragen so zu stellen, dass diese sich nicht stigmatisiert fühlen. "Wir erleben häufig, dass Verletzungen von anderen Personen verursacht wurden. Wir haben uns deshalb angewöhnt, jede Patientin zu fragen", ist ein einleitender Satz, der trainiert wird, sagt Anja Gerhard-Mehl, Diplom-Pflegewirtin und Projekt-Koordinatorin am Klinikum. Dann folge die konkrete Frage, ob es sein könne, dass die Patientin von einer anderen Person verletzt wurde - und ob es der Freund oder Partner war. Damit allerdings ist noch längst nicht das Nötigste gelernt. "Häufig kommen die Frauen in Begleitung ihrer Partner", erklärt Gerhard-Mehl.

Die Klinikbeschäftigten üben deshalb auch, wie sie Situationen schaffen können, in denen sie die Frauen allein sprechen oder ihnen rasch ein Notfallkärtchen mit Telefonnummern für schnelle Unterstützung zustecken können. Vor allem muss das Personal eine gute Situationseinschätzung entwickeln. Das Vorgehen darf die Patientin nicht zusätzlich gefährden. Sie muss die Kontrolle behalten. "Wir wissen, dass Frauen, die aktiv werden, besonders gefährdet sind", sagt Gerhard-Mehl.

Wenn eine Patientin angibt, dass ihr Gewalt angetan wurde, bietet das Klinikum ihr an, die Verletzungen gerichtsverwertbar zu dokumentieren. In der chirurgischen Abteilung komme das mehrfach im Monat vor, sagt Gerhard-Mehl. Die Dokumentation wird in der Klinik hinterlegt. Die Frau kann darauf zurückgreifen, wenn sie später die Beweise nutzen will.

Die Kasseler machen sich viel Arbeit mit dem Thema. Es sei Teil der grundständigen Pflegeausbildung und werde auch ins Einarbeitungskonzept für neues Personal übernommen, sagt Gerhard-Mehl. Ein bis zwei Mal im Jahr treffen sich die fortgebildeten Projekt-Multiplikatoren der Stationen zum Austausch. Sie sind Pflegekräfte. Ärzte seien eher mit Basisinformationen in ihren Frühbesprechungen geschult worden.

Pflegepersonal ist stark engagiert

Von Kliniken in Berlin abgesehen, habe sich Kassel in Deutschland "am längsten und systematischsten in dem Projekt engagiert", sagt Hilde Hellbernd von der S.I.G.N.A.L.-Geschäftsstelle in der Hauptstadt. Andere Kliniken zögen nach, hätten aber viel später begonnen. Auch Hellbernd beobachtet, dass sich besonders Pflegepersonal für das Projekt engagiert. Gründe dafür vermutet sie in der großen Nähe zu Patientinnen - und auch darin, dass Pflegende meist selbst Frauen sind.

"Es ist schwieriger, Ärzte zu erreichen", sagt Hellbernd. Da tue sich aber etwas - auch außerhalb der Krankenhäuser. An fünf Standorten in Deutschland würden gerade Strategien für niedergelassene Mediziner erprobt. Das Bundesfamilienministerium fördert das Modellprojekte MIGG - Medizinische Intervention gegen Gewalt an Frauen. Hellbernd: "Das läuft gut in allen Städten."

S.I.G.N.A.L

Zwei Drittel aller Gewalttaten gegen Frauen ereignen sich im sozialen Nahbereich, in Ehe und Partnerschaft, heißt es auf der S.I.G.N.A.L-Homepage. Jede vierte Frau habe körperliche Gewalt durch Beziehungspartner erlebt, jede siebte Frau sexuelle Gewalt. "S.I.G.N.A.L" steht für:

S - Setzen Sie ein Signal: Sprechen Sie die Patientin an.

I - Interview mit konkreten, einfachen Fragen.

G - Gründliche Untersuchung alter und neuer Verletzungen.

N - Notieren und dokumentieren aller Ergebnisse und Antworten.

A - Abklären des aktuellen Schutzbedürfnisses der Patientin.

L - Leitfaden über Hilfsangebote und Notrufnummer geben.

www.signal-intervention.de

www.migg-frauen.de

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