Ärzte Zeitung, 02.02.2010
TV-Kritik: Musterschüler Rösler glänzt auch in der Talkshow
Von Anja Krüger

Dr. Philipp Rösler. Der Gesundheitsminister hat
sich bei "Beckmann" wie bei einem Bewerbungsgespräch verhalten.
© Elke Hinkelbein
Ja, Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) ist ein
Musterschüler. Wer das noch nicht wusste, hat es spätestens
am Montagabend in der ARD bei "Beckmann" erkannt. Freundlich, gut
vorbereitet und eilfertig wie ein Examenskandidat liefert Rösler
Moderator Reinhold Beckmann vorhersehbare Antworten auf erwartete
Fragen. Zusatzbeiträge? Sind ein Erbfall der Regierung. Zunehmende
Kosten? Will er begrenzen. Kopfpauschale gegen Seehofer durchsetzen?
Halb so wild, der hatte ja immerhin die größte Unterschrift
unter dem Koalitionsvertrag.
Rösler hat Hochkonjunktur im deutschen Fernsehen. Immer wieder
verkündet er in Nachrichtensendungen sein Credo von der
Kopfpauschale. Jetzt darf er auch im Unterhaltungsprogramm dafür
werben. "Es lohnt sich, neue Wege zu gehen, das traue ich mir zu", sagt
er wie in einem Bewerbungsgespräch. Röslers Strategie ist so
clever wie durchschaubar: Hart in der Sache, freundlich im Ton. Und
immer schön menschlich bleiben.
Kein böser Gesundheitsbürokrat, kein abgewetzter
Polit-Funktionär, sondern ein frischer junger Mann ist angetreten,
das deutsche Sozialsystem umzukrempeln, wie es seit Generationen nicht
geschehen ist. Sein Auftreten, das ist auch bei Beckmann zu
besichtigen, täuscht über die Brutalität seines
Vorhabens hinweg. Nach seinen Erfahrungen als junger Arzt in einem
christlichen Krankenhaus hat er sich taufen lassen, erzählt er.
Bei Beckmann auch eingeladen sind fünf weitere Gäste: zwei
Altenpflegerinnen mit Zivilcourage, ein seine Mutter pflegender Sohn,
der Pflegekritiker Claus Fussek und Simone Rethel, 60-jährige
Ehefrau von Methusalem Johannes Heesters. Man ist sich einig: Die
Zustände in der Pflege sind schlimm, dem Alter und den Alten wird
nicht genug Wertschätzung entgegengebracht.
Der Bundesgesundheitsminister hat auch hier eine klare Position.
"Die Pflegeversicherung ist nur eine Teilkaskoversicherung", sagt
Rösler. Autsch! Alte und Autos gleichzusetzen - das müsste
die Seniorenfreunde am Tisch in Aufruhr versetzen. Aber nichts
passiert. Der freundliche Ton federt wieder einmal die harte Botschaft
ab.

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