Ärzte Zeitung, 08.04.2010

Deutsche sind Spitze bei Alkohol- und Tabakkonsum

Die gute Nachricht des neuen Reports der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen ist zugleich die schlechte: Der Suchtmittelkonsum bleibt stabil - auf sehr hohem Niveau.

Deutsche sind Spitze bei Alkohol- und Tabakkonsum

Gefesselt, süchtig: Exzessiver Tabakkonsum wird vielen Menschen zum Verhängnis. © Jun Dangoy / fotolia.com

BERLIN (hom). Experten schlagen Alarm: Der Konsum von Suchtmitteln wie Alkohol oder Tabak verharre in Deutschland weiter auf einem "extrem hohen Niveau", warnte der Geschäftsführer der Deutschen Hauptgeschäftsstelle für Suchtfragen DHS, Dr. Raphael Gaßmann, bei der Vorstellung des neuen "Jahrbuchs Sucht 2010" am Mittwoch in Berlin.

Laut Studie konsumieren derzeit etwa 9,5 Millionen Bundesbürger Alkohol in einer gesundheitlich riskanten Weise. Das heißt, sie nehmen täglich mehr als 12 Gramm (Frauen) beziehungsweise 24 Gramm (Männer) Alkohol zu sich. Diese Menge entspreche etwa einem beziehungsweise zwei Gläsern Bier. Bei zwei Millionen Bundesbürgern müsse von einem missbräuchlichen Alkoholkonsum und bei 1,3 Millionen Bundesbürgern von einer Abhängigkeit von Bier, Schnaps und anderen alkoholischen Getränken gesprochen werden, so Gaßmann. Im internationalen Vergleich stehe Deutschland mit seinem Alkoholkonsum an fünfter Stelle. Nur in Luxemburg, Irland, Ungarn und Tschechien werde mehr Alkohol getrunken.

Die volkswirtschaftlichen Kosten durch von Alkoholabhängigkeit ausgelöste Krankheiten lägen bei rund 24 Milliarden Euro pro Jahr. Gaßmann rief Politik und Gesellschaft zu größeren Anstrengungen im Bereich der Alkoholprävention auf. "Öffentliche Maßnahmen zur Konsumreduzierung zeigen Wirkung", betonte der Experte. Dazu gehörten neben Aufklärungskampagnen auch Verbote und Sanktionen - etwa für Gaststättenbetreiber, die rechtswidrig Alkohol an Minderjährige ausschenkten. Umsatz- und Konsumrückgänge beim Tabak seien ebenso Bestätigung dieser "richtigen Suchtpolitik" wie die zum Teil positive Wirkung staatlicher Präventionsmaßnahmen im Glücksspielbereich.

Laut DHS-Suchtreport wurden in Deutschland im Jahr 2008 noch 1068 Zigaretten pro Kopf verbraucht - 44 weniger als im Vorjahr 2007 (1112 Zigaretten). Dennoch sei weiterhin von jährlich bis zu 140 000 tabakbedingten Todesfällen auszugehen. Im Bereich des krankhaften Glücksspiels sei eine Risikoverlagerung von Spielbanken hin zu Geldspielautomaten zu verzeichnen. Solche Automaten würden ein hohes Suchtrisiko bergen, da sie mit hohen Gewinnmöglichkeiten assoziiert würden.

Besonderes Augenmerk legte die DHS in ihrem Report auf die Abhängigkeit von Medikamenten. Der Hannoveraner Suchtexperte Armin Koeppe sprach von einem "seit Jahrzehnten verkannten und wenig erforschten Gefährdungsbereich". Betroffen seien vor allem ältere Menschen. Schätzungsweise bis zu 2,8 Millionen der über 60-Jährigen wiesen einen problematischen Gebrauch psychoaktiver Medikamente oder Schmerzmittel auf, so Koeppe.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Der Alkoholsucht wirksam begegnen

[08.04.2010, 09:59:32]
Margarita Moerth 
Prävention
Das Zauberwort im Kampf gegen Suchtverhalten heißt Prävention. Und diese "Verhütung" kann nur bei den ganz Jungen ansetzen. Bei Alkohol und Nikotin also bereits bei den Kindern, um den Anfängen zu wehren.
Am Wirksamsten ist es gerade bei jungen Menschen, am Image des jeweiligen Verhaltens zu kratzen. Es darf nicht "schick" oder "lustig" sein, angesäuselt herumzutorkeln und zu lallen oder bewusstlos ins Krankenhaus eingeliefert zu werden (Komatrinken!).
Beim Zigarettenkonsum beginnt dies offenbar schon zu greifen, wie die Statistiken zeigen.
Fatale Wirkung hat auch das Verhalten von Leitfiguren in den Medien. Solang der coole Typ im Fernsehen mit den Eiswürfeln in seinem Whisky-Glas klirrt, werden es ihm junge Menschen gleichtun wollen. Gefährdet sind da vor allem jene, denen es daheim an einer überzeugenden "Leitfigur" fehlt oder, noch schlimmer, wenn Papa am Abend zur Belohnung nach getaner Tagesarbeit seine zwei, drei Bierchen "zwitschert" - welche Verniedlichung!
An den Schulen muss mit den Jugendlichen zusammengearbeitet werden. Schulsprecher, Schüler höherer Schulstufen (oft bewunderte Vorbilder der Jüngeren)müssen einbezogen werden.
Wunderbar, dass Deutschland sich der höchsten Dichte von Beratungsstellen, Psychologischen Diensten etc. brüsten kann. Besser wäre es, es gar nicht soweit kommen zu lassen, dass diese Einrichtungen in Anspruch genommen werden müssen.
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Adiopositas-Op nötig, aber Kasse will nicht zahlen

Wenn der Antrag eines Adipositas-Patienten auf eine bariatrische Operation abgelehnt wird, bringt das Ärzte in eine schwierige Situation. Denn oft verschlechtert sich der Zustand des Betroffenen. mehr »

9 wichtige Forderungen, Analysen, Informationen

Fleißige Delegierte: In Freiburg wurde wieder eine große Palette an Themen abgearbeitet. mehr »

Immer mehr Nichtraucher erkranken an Lungenkrebs

In US-Kliniken tauchen immer häufiger Nichtraucher mit Lungenkrebs auf, vor allem Frauen sind betroffen. Das könnte am Passivrauchen liegen. mehr »