Ärzte Zeitung, 14.04.2010

Wohnzimmer-Atmosphäre beruhigt demenzkranke Patienten

Demenzpatienten, die in einem Akutkrankenhaus behandelt werden, müssen oft mit Psychopharmaka ruhig gestellt werden. Aber es gibt auch andere Wege.

Von Ingeborg Bördlein

Wohnzimmer-Atmosphäre beruhigt demenzkranke Patienten

Station für akuterkrankte Demenzpatienten in Heidelberg: Oberarzt Dr. Daniel Kopf mit Patient Ludwig Pfahler. © Behnke

HEIDELBERG. Demente Patienten mit einer akuten körperlichen Erkrankung, die in einem Akutkrankenhaus behandelt werden, müssen oft mit Psychopharmaka ruhiggestellt oder in die Gerontopsychiatrie verlegt werden. Dass es auch anders geht, zeigt ein Modellprojekt am Geriatrischen Zentrum Agaplesion Bethanienkrankenhaus in Heidelberg.

Akut körperlich erkrankte demenzkranke Patienten, die weglaufgefährdet oder stark verwirrt sind, werden in einer eigenen halb geschlossenen Abteilung "mit Wohnzimmercharakter" ganzheitlich pflegerisch und therapeutisch betreut. Die erfreuliche Bilanz nach der Modellphase: Auf Ruhigstellung durch Medikamente kann meist verzichtet werden und der Drehtüreffekt mit häufigem Hin- und Herverlegen dieser Patienten zwischen internistischen und psychiatrischen Abteilungen entfällt, wie der Ärztliche Leiter des Geriatriezentrums, Dr. Peter Oster in Heidelberg erklärt hat.

330 weglaufgefährdete Demenzpatienten mit einer akuten Erkrankung wie Herzinfarkt, Pneumonie oder einer Fraktur wurden auf der "Geriatrischen Internistischen Station für akut erkrankte Demenzpatienten" (GISAD) während des Modellprojekts über zwei Jahre sowohl medizinisch als auch aufgrund ihrer Demenz mit einem personenzentrierten und intensiven Pflegekonzept betreut. Die eigene Abteilung mit sechs Betten ist vom sonstigen Klinikbetrieb abgetrennt.

Neben den Patientenzimmern steht ein Wohnzimmer mit Couch und Essplätzen zur Verfügung. Hier nehmen die Patienten - wenn möglich - auch ihre Mahlzeiten ein. Die Tür nach außen kann mit einem einfachen Zahlencode, nämlich der Zahl des nächsten Jahres (2011), geöffnet werden. Für jeden sei es also problemlos möglich, die Abteilung zu verlassen, nicht jedoch für die dementen Patienten, beschreibt der Oberarzt PD Dr. Daniel Kopf das Prinzip. Die Patienten könnten sich in dem "geschützten Bereich" frei bewegen. Pflegekräfte und Ärzte seien entlastet, denn ein Weglaufen müsse nicht befürchtet werden.

Die pflegerische Betreuung läuft täglich einschließlich der Wochenenden sehr strukturiert ab. Jeden Morgen sind zwei Therapeuten - eine Logo- und eine Ergotherapeutin - auf Station. Routinemäßig wird erfasst, ob Schluckstörungen vorliegen und welche Hilfsmittel gebraucht werden. Das Frühstück wird im Wohnzimmer in quasi familiärem Rahmen eingenommen. Vormittags und nachmittags findet je eine Aktivierungseinheit statt, zum Beispiel auf künstlerisch-gestalterischer Ebene. Zweimal wöchentlich ist zudem eine Musiktherapeutin vor Ort.

Diese komplexe Pflege konnte nicht personalneutral geleistet werden, sagt Pflegedirektorin Margit Müller. Für die sechs Patienten auf der Station sind somit vier Pflegekräfte zuständig, dazu kommen sogenannte Präsenzkräfte. Das sind Hilfskräfte beispielsweise aus dem Altenpflegebereich auf der Basis geringfügiger Beschäftigung, die eine Ausbildung für ihre Tätigkeit auf der Station erhalten haben.

Die personalintensive Betreuung der Patienten zahlt sich laut Klinikleiter Oster aus: Die Patienten müssten kaum medikamentös ruhig gestellt werden. Nur etwa jeder Dritte mit schweren Verhaltensstörungen werde mit einer Psychopharmakotherapie entlassen. Die Patientensicherheit sei größer und die Arbeitszufriedenheit des Personals höher. Außerdem komme es kaum zu "Hin- und Herverlegungen".

Die Mehrkosten für das aufwendige Betreuungskonzept veranschlagt Oster mit zwölf Euro pro Patient pro Pflegetag. Das Konzept sieht er als gut auf Akutkrankenhäuser übertragbar. Es sei das Ziel des Geriatriezentrums in Heidelberg, dies durch Schulungen und Fortbildungen "in die Fläche" zu tragen, sagt der Klinikleiter. Dies begrüßte die baden-württembergische Sozialministerin Dr. Monika Stolz (CDU) bei einem Besuch des Heidelberger Zentrums.

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