Ärzte Zeitung, 15.04.2010

Ein Notfallseelsorger, der Muslimen beisteht

Nicht Imame, sondern ehrenamtliche Notfallbegleiter kümmern sich in Köln künftig um Menschen muslimischen Glaubens, die den Verlust von Angehörigen verarbeiten müssen. Der 41-jährige Recep Nazli ist einer von ihnen.

Von Maryam Schumacher

Ein Notfallseelsorger, der Muslimen beisteht

Recep Nazli ist einer der 39 Notfallseelsorger. © dpa

KÖLN. Er war dabei, als die Todesnachricht überbracht wurde, er identifizierte den Toten, erlebte die Totenwaschung und kümmerte sich um Organisatorisches. Vor allem aber hat er getröstet. Recep Nazli ist einer der ersten muslimischen Notfallseelsorger für Muslime in Deutschland.

Zusammen mit 39 anderen hat der gebürtige Türke eine Ausbildung absolviert und darf sich nun offiziell "Notfallbegleiter" nennen. Besonders daran ist, dass bisher die Seelsorge in islamischen Gemeinden meist in Händen von Imamen war. Nun kümmern sich auch muslimische Ehrenamtliche um das Leid anderer - und sie haben dabei von christlichen Seelsorgern gelernt.

Als Recep Nazli vor vier Wochen das erste Mal eine Todesnachricht mit überbracht hat, merkte er, wie kräftezehrend diese Arbeit werden könnte. "Das Schwierigste war der Moment, als die Mutter die Nachricht empfing. Ihr Leid mit anzusehen, war für mich das Schlimmste", sagt der 41-jährige Familienvater rückblickend. Er sprach in ihrer Muttersprache Türkisch und blieb bei ihr, bis der Ehemann von der Arbeit nach Hause kam.

Seelsorge hat in der Gemeinde bisher gefehlt

Der Kursus war für den heutigen Notfallseelsorger sehr wichtig. "Ich wollte diese Ausbildung machen, damit ich nicht etwas Falsches mache", sagt der Maschinenschlosser. In seiner Gemeinde habe diese Form der Seelsorge gefehlt. Es gab zwar Unterstützung, aber kein formalisiertes Prozedere, bei dem die Polizei die Gemeindemitglieder immer sofort benachrichtigt hätte. Religion ist nach Ansicht von Recep Nazli eher zweitrangig. "Es geht um das Menschliche", sagt er.

Tod, Trauer und Leid spielen in allen Religionen eine große Rolle, auch wenn sie unterschiedlich gedeutet werden. "Im Islam gibt es den Begriff der Seelsorge so nicht", sagt die Theologin Nigar Yardim, die die Absolventen in religiösen Fragen unterstützt hat. "Natürlich gibt es auch das Konzept der Fürsorge im Islam, sprich eine Form der Nächstenliebe wird praktiziert."

Bisher wurde kaum thematisiert, was es bedeutet, eine Todesnachricht zu überbringen. "Hier konnten die muslimischen Notfallseelsorger von den Erfahrungen der Christen profitieren", sagt Yardim. Und auch Nazli glaubt, dass die christliche Seelsorge professioneller sei. "Die Seelsorge wird in christlichen Gesellschaften sehr ernst genommen und hat einen hohen Stellenwert." Außer religiösen Fragen und Gebetsformen sei es in dem Kurs schließlich um psychosoziale Aspekte gegangen. "Nicht lange drum herum reden ist in der Seelsorge wichtig", meint die studierte Erziehungswissenschaftlerin.

Deutliches Zeichen der Integrationsbereitschaft

Dass es nun in Deutschland muslimische Notfallseelsorger für Muslime gibt, kann auch als eine Form der Anpassung verstanden werden. "Das ehrenamtliche Engagement so vieler Musliminnen und Muslime ist ein deutliches Zeichen ihrer Integrationsbereitschaft. Sie sind bereit, sich in einem wichtigen gesellschaftlichen Bereich einzubringen und Menschen in Extremsituationen beizustehen" sagt der Geschäftsführer der christlich-islamischen Gesellschaft (CIG) in Köln, Thomas Lemmen. Am vergangenen Samstag endete mit Recep Nazli der erste Kurs an der CIG, bald sollen schon neue stattfinden.

"Ich wünsche mir, dass ich wenige Einsätze habe", sagt Nazli auf die Frage, wie lange er als Notfallseelsorger arbeiten will. Angst hat er nicht vor der Arbeit an sich. Eher vor der Stigmatisierung. "Ich habe Angst, dass die Leute mich sehen und denken: da kommt Herr Sowieso mit den schlechten Nachrichten." (dpa)

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