Ärzte Zeitung, 15.04.2010

Leben in der Psychiatrie? Das war gestern!

Auf den ersten Blick lebt das Paar wie viele andere bescheidene Rentner auch. Aber Gerhard Gäckler und Rosemarie Korneck aus Marburg haben eine Lebensgeschichte, die extrem ungewöhnlich ist und viel Respekt verdient.

Von Gesa Coordes

Leben in der Psychiatrie? Das war gestern!

Ein bemerkenswertes Paar: Gerhard Gäckler und Rosemarie Korneck. © Wegst

MARBURG. Ihr Stammplatz ist das abgewetzte graue Sofa vor den kleinen Plüschfiguren. Gerhard Gäckler (71) zieht an seiner Pfeife und schaut aus dem Fenster der kleinen Sozialwohnung auf dem Marburger Richtsberg. Neben ihm sitzt seine Lebensgefährtin Rosemarie Korneck (68) und stickt bunte Häuschen auf eine Leinentasche.

Auf den ersten Blick lebt das Paar wie viele andere bescheidene Rentner auch. Doch die beiden haben etwas vollbracht, von dem Claus Solbach, Geschäftsführer der Sozialen Hilfe in Marburg, nur mit großer Hochachtung spricht. "Eigentlich ist das ein Wunder" sagt er zu ihrer "Riesenleistung": Über 20 Jahre ist es her, dass ihnen der Auszug aus der Psychiatrie gelang. Und seitdem sind sie nie wieder eingewiesen worden.

"Das ist, als wenn ein Lehrling einen Wolkenkratzer bauen wollte", sagte Gerhard Gäckler damals. Die Ärzte waren dagegen. Die Sozialarbeiter waren skeptisch. Schließlich war Gäckler damals schon 50 Jahre alt, hatte aber sein halbes Leben in der Psychiatrie verbracht. Deshalb gehörte er auch nicht zu den ersten Langzeitpatienten des Psychiatrischen Krankenhauses Marburg (PKH), die in den 80er Jahren den Sprung in die Freiheit wagten.

Mehr als 25 Jahre hat Gäckler im PKH gelebt, wo er sich als Gärtner sogar eine kleine Rente erarbeitete. Schon als Elfjähriger wurde er erstmals stationär behandelt. Wegen Konzentrationsproblemen und Spannungszuständen, die ersten Anzeichen der später diagnostizierten Schizophrenie. Die "alte Psychiatrie" mit Elektroschocks hat er am eigenen Leib erfahren: "Dann kam ein neuer Professor, der das Schocken abgeschafft hat", erzählt Gäckler. Als die ersten chronisch psychisch Kranken auszogen, meldete er sich gleich. Und "Rosi", seine Freundin, wollte er natürlich mitnehmen.

Das Paar sitzt auf dem Sofa und erzählt verschmitzt, wie sie sich kennen gelernt haben. "Erst sind wir mal einen Kaffee trinken gegangen", sagt Rosemarie Korneck: "Dann habe ich ihn immer auf der Station besucht." Die geistig behinderte Frau, die früher an Epilepsie litt, hat ihre Mutter schon als Kind verloren. Nach Jahren in verschiedenen Behindertenheimen landete sie 1957 im Psychiatrischen Krankenhaus. "Sie sah gut aus", sagt Gerhard Gäckler lächelnd. Ohne sie konnte er sich ein Leben in der Freiheit nicht vorstellen.

Mit Möbeln vom Sperrmüll zogen sie in die kleine Wohnung im fünften Stock des Sozialbaus am Marburger Richtsberg. An die Tür hat Rosemarie Korneck einen kleinen Teddybären geklebt. Die Wohnung hat sie mit den kleinen Tierfiguren und Nippes übersät: Plüschhasen und Plastikrehe, Wackel-Tiger und Miniaturautos zieren Fensterbretter und Regale. Die Anfangsphase war holprig, erinnert sich Claus Solbach. Das Paar musste lernen, zur Bank zu gehen, einzukaufen und zu kochen. Gutbürgerlichen Maßstäben entspreche ihr Leben bis heute nicht, räumt der Sozialpädagoge ein: "Aber die beiden sind stabil."

In der Tat kocht Gerhard Gäckler unter der Woche fast immer aus der Dose: In der Küche stehen Konserven mit Ravioli, Lauch-Gemüse-Suppe und Gulasch. Nur am Wochenende gibt es aufwändigeres Essen: Das Kochen ist sein Revier.

Aber ohne die Betreuung durch die Soziale Hilfe würde ihr Leben nicht funktionieren: Neben der gesetzlichen Betreuerin schaut Psychologin Barbara Höfler zweimal in der Woche nach dem Rechten. Sie sorgt dafür, dass die beiden gründlich Staub saugen und putzen. Sie hilft beim Getränkekauf und organisiert kleine Ausflüge. "Zwischendurch habe ich einmal gedacht, dass meine Besuche gar nicht mehr so nötig sind", erzählt die Psychologin. Aber dann fiel die Heizung im Winter aus. Und als Höfler drei Tage später in die bitter kalte Wohnung kam, hatten es die beiden nicht geschafft, die Soziale Hilfe zu alarmieren. Gerhard Gäckler und Rosemarie Korneck haben einen klaren Wochenrhythmus: Jeden Freitag bekommt er seine Depotspritze. Montags und freitags holen sie sich ihre Rente. Gäckler investiert einen großen Teil in Tabak. Rosemarie Korneck geht für ihr Leben gern einkaufen. Bis vor acht Jahren hat sie noch in der Wäscherei der Lebenshilfe gearbeitet. Dann ist sie nach einem Weihnachtsessen bei Eis und Schnee so unglücklich gestürzt, dass sie die Arbeit aufgeben musste und auf einen Rollator angewiesen ist. Wenn sie die steilen Treppen bis in den fünften Stock hinaufsteigt, trägt Gerhard Gäckler ihre Einkäufe. "Mein Röschen" nennt er die Freundin.

Obwohl sich die beiden so spät gefunden haben, gibt ihnen die Beziehung großen Halt, sagt Claus Solbach. "Sie können die Eigenarten des anderen so liebevoll dulden. Da könnten sich andere Pärchen eine Scheibe abschneiden", urteilt der Geschäftsführer.

Jeder allein käme auch nicht zurecht. Sie stabilisiert ihn, wenn schizophrene Schübe drohen. Er hilft ihr über die lebenspraktischen Fallstricke hinweg. Rosemarie Korneck kann nämlich nicht lesen und schreiben. Die Bedeutung des Geldes kennt sie nur oberflächlich. Ob sie glücklich sind? "Ja", sagen beide ganz überzeugt: "Jetzt haben wir immer Ausgang."

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