Ärzte Zeitung, 21.04.2010
Stadt auf dem Sterbebett - Köthen setzt auf die Homöopathie
Um den dramatischen Bevölkerungsrückgang in vielen Gegenden
Ostdeutschlands zu stoppen, setzen Städteplaner ein ungewöhnliches
Mittel ein: die Homöopathie.
Von Thomas Hommel

Prinzip Erstverschlimmerung: Plakate in der Köthener Ludwigstraße. © DZVhÄ
BERLIN/KÖTHEN. Die Kleinstadt Köthen in Sachsen-Anhalt ist
für die Anhänger der Homöopathie so etwas wie ein Wallfahrtsort. Dr.
Samuel Hahnemann, Begründer der Homöopathie, praktizierte hier im
frühen 19. Jahrhundert. Und seit Kurzem beheimatet Köthen die
"Europäische Bibliothek für Homöopathie" - voll gepackt mit einem
großen Angebot an Lehrbüchern, Skizzen und handschriftlich verfassten
Berichten.
Neuerdings verbindet Köthen aber noch etwas anderes mit der
Homöopathie: Stadtplaner haben die ihr zugrunde liegenden Prinzipien
wie etwa "Ganzheitlichkeit" oder "Impulssetzung" für sich entdeckt.
Ganz konkret wollen sie damit einem Problem beikommen, das nicht nur
Köthen, sondern viele Städte Sachsen-Anhalts plagt: ein massiver
Bevölkerungsschwund, der unmittelbar nach dem Mauerfall 1989 einsetzte.
Beispiel Köthen: Zur Zeit der Wende lebten hier rund 33 000 Menschen. Heute ist die Zahl deutlich unter 30 000 gerutscht.
In den kommenden Jahren könnten noch einmal bis zu 3000 Menschen der
Stadt den Rücken kehren. Die Folgen des Schrumpfungsprozesses sind
überall sichtbar: ganze Straßenzüge sind inzwischen verwaist,
Restaurants und Arztpraxen haben dicht gemacht, Wohnungen stehen leer.
Als besonders drastisch stellte sich die Situation in der Ludwigstraße
dar - einer vormals gutbürgerlichen Straße im Herzen Köthens. Heute hat
sich hier die Abrissbirne breitgemacht. "In dieser Situation", erzählt
der Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins für homöopathische Ärzte,
Curt Kösters, "hatten wir die Idee, die Ludwigstraße als Patienten zu
begreifen, dessen Selbstheilungskräfte aktiviert werden müssen."
Den Anfang der Therapie machte, wie in der Homöopathie üblich, eine
Anamnese. Ein Team aus Stadtplanern und homöopathischen Ärzten führte
dazu Gespräche mit den Bewohnern der Ludwigstraße - den "Patienten". Da
diese die Situation in der Straße als gar nicht so schlimm einstuften,
griffen die Therapeuten auf das homöopathische Prinzip der
"Impulssetzung" zurück. "Wir klebten an alle Häuser ein Plakat mit der
Info: Dieses Haus wird abgerissen", berichtet Kösters. Die Anwohner der
Ludwigstraße sollten erkennen, wie prekär die Lage ist. "Es gab aber
kaum eine Reaktion - unser Mittel war falsch gewählt."
Also habe man einen noch stärkeren Impuls gesetzt und an einem
dunklen Dezemberabend für 15 Minuten die Straßenlaternen an der
Ludwigstraße ausgeschaltet - getreu dem homöopathischen Prinzip der
"Erstverschlimmerung" durch temporäre Verstärkung der Symptome, um so
den Körper des Patienten - hier die Bewohner der Ludwigstraße - dazu zu
bringen, selbst für einen Ausgleich zu sorgen. Und siehe da: Diesmal
passten Mittel und Dosierung. "Auf der anschließenden
Anwohnerversammlung tobte sprichwörtlich der Volkszorn, die Apathie war
durchbrochen." In den folgenden Wochen seien an die 50 verschiedene
Projektvorschläge und Anfragen bei der Stadt eingegangen, wie der
Verfall der Ludwigstraße gestoppt und der drohende Abriss vieler
Wohnhäuser verhindert werden konnte. Die Ideen reichten von einem
Mehrgenerationenhaus über ein Freilichtkino und ein Rucksackhotel für
junge Menschen bis hin zu einem konkreten Kaufinteresse an einigen
Häusern in der Ludwigstraße. Kösters ist zufrieden: "Wir haben es
geschafft, die Bewohner der Ludwigstraße dazu zu bringen, das Problem
selber anzupacken und eine Lösung zu finden. Das zeigt: Die Homöopathie
ist eine Entwicklungskraft, die auch gegen die Schrumpfung von Städten
wirkt." Inzwischen habe sich das Team zwei weiteren "Brennpunkten" in
Köthen zugewandt.
Lesen Sie dazu auch:
Eine Schatzkammer der Homöopathie

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