Ärzte Zeitung, 16.06.2010

Bildungs- und Ausbildungs-Notstand: Die Ursachen des sozialen Klimawandels

Der Anteil der Armen in Deutschland wächst, und sie werden immer ärmer - zugleich auch kränker. Der Mittelstand zehrt aus, und die Eliten bleiben klein. Gesundheitspolitik degeneriert dabei zur Symptomtherapie.

Von Helmut Laschet

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Einkommen wird in Deutschland von unten nach oben verteilt.

Während die Gesundheitspolitiker in der Koalition unter Ächzen und Stöhnen um einen Minimalkonsens zur künftigen Finanzierung der gesetzlichen Krankenkassen ringen, zeigen Daten zur Einkommens- und Bildungsentwicklung, dass die Mühen der Koalition bestenfalls kurzfristig die Finanzlücken schließen werden.

Diese müssen erschrecken: Denn danach steht Deutschland nicht nur vor einer demografischen Herausforderung -  das Land verliert an intellektueller Substanz, an Produktivität und Arbeitsfähigkeit, und zwar in einem dramatischen Ausmaß.

Eine schleichende Tendenz zur Verarmung der Unterschichten, einhergehend mit einem schrumpfenden Mittelstand, ist seit zehn Jahren zu beobachten. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat jetzt präzise Zahlen dazu geliefert:

  • Der Anteil der Menschen mit mittlerem Einkommen ist zwischen 2000 und 2009 von 64 auf 60 Prozent geschrumpft. Das Einkommen der Mittelschicht ist nur geringfügig gestiegen.
  • Dagegen hat der Anteil der Menschen mit niedrigem Einkommen von 18 auf 22 Prozent zugenommen; zugleich sind deren Einkommen rückläufig.
  • Mit 18 Prozent konstant geblieben ist der Anteil der Bürger mit hohem Einkommen, und sie konnten als einzige Gruppe ihr Einkommen spürbar verbessern.
  • Die Zahlen erklären erneut, was eigentlich schon bekannt ist: Die gesetzliche Krankenversicherung (wie die gesamte Sozialversicherung) hat ein strukturelles Einnahmenproblem. Denn die Finanzierung stützt sich im Wesentlichen auf den Mittelstand, zu geringen Teilen auf die Unterschichten. Bei den höheren Einkommen (und deren Dynamik) limitiert die Beitragsbemessungsgrenze die Einnahmen.

    Besorgniserregend daran ist, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich in einem dramatischen Tempo vertieft. Nach dem am Dienstag vorgelegten Bildungsbericht von Bund und Ländern haben 17 Prozent der jungen Menschen zwischen 20 und 30 Jahren keinen Berufsabschluss: 1,5 Millionen. Binnen zwei Jahren ist der Anteil um 1,8 Prozentpunkte gestiegen.

    Die Probleme akkumulieren bei Menschen mit Migrationshintergrund und im Osten. Bei den 20- bis 30-Jährigen mit Migrationshintergrund haben 30 Prozent keinen Berufsabschluss, bei jungen türkischen Frauen ist es jede Zweite. Ursache ist, dass die Betroffenen keinen Schulabschluss haben. Obgleich Bund und Länder das Ziel proklamiert haben, die Zahl der Schulangänger ohne Hauptschulabschluss zu halbieren, sind die Erfolge bescheiden. Zwischen 2004 und 2008 sank der Anteil Jugendlicher ohne jeglichen Schulabschluss von 8,5 auf 7,4 Prozent. Im Osten liegt der Anteil im Schnitt bei 11,6 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern sogar bei 17,9 Prozent.

    Nach den Statistiken von Bildungsforschern und Epidemiologen werden diese Menschen wohl kaum qualifizierte Arbeit finden, ihre Lage ist lebenslang prekär. Gerade in dieser Gruppe manifestieren sich früh Gesundheitsrisiken und chronische Multimorbidität. Lebenslang sind diese Menschen Nettoempfänger des Gesundheits- und Sozialsystems.

    Und am anderen Ende der Gesellschaft? Auch dort wird es knapp, denn seit Langem hat Deutschland im internationalen Vergleich eine geringe Akademikerquote. Nach Berechnungen des Instituts der Deutschen Wirtschaft werden von den derzeit 6,5 Millionen Akademikern bundesweit bis 2024 etwa 2,3 Millionen ausscheiden. Um diese Lücke zu füllen und um genügend Hochqualifizierte für ein wünschenswertes Wirtschaftswachstum zu haben, würden vier Millionen Nachwuchsakademiker gebraucht. Auch hier sind also Bildungsinvestitionen nötig.

    Vor allem im Osten sieht es damit düster aus. Während Bayern nach einer IW-Prognose zwischen 2015 und 2019 einen Zuwachs von 13 Prozent bei den Studienanfängern schaffen wird - bei jährlich 67 000 neuen Studenten - kommt Sachsen-Anhalt lediglich auf 6660 neue Hochschüler. Das ist ein Minus von 19 Prozent.

    Fazit: Wenn Deutschland bei der Bildung nicht die Wende schafft, dann erodiert das Fundament des Sozialstaats - auch bei der Gesundheit. Hier läuft der Klimawandel auf arktische Kälte hinaus.

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