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Ärzte Zeitung, 13.09.2010

Das GKV-Solidarprinzip ist den Deutschen heilig

Bei aller Kritik am System: Die medizinische Leistung im deutschen Gesundheitswesen erhält von den Versicherten gute Noten - auch dank der Leistung der Ärzte. Besonders wichtig ist den Bürgern offenbar das Solidarprinzip.

Von Helmut Laschet

NEURUPPIN. Den Deutschen wird es mulmig angesichts der ständigen Schrauberei von Politikern am Krankenversicherungssystem. Eingriffe und Reformen werden nicht verstanden, sie verunsichern - und werden abgelehnt. Ganz klar gilt das für den geplanten einkommensunabhängigen GKV-Zusatzbeitrag. Auch wenn die Regierung versichert, dass es dafür einen Sozialausgleich gibt.

Das GKV-Solidarprinzip ist Deutschen heilig

Seit 2004 lässt das Wissenschaftliche Institut der Ortskrankenkassen (WIdO) repräsentativ erheben, wie die Deutschen über das Gesundheitswesen und seine Leistungen denken. Die aktuelle Umfrage, die vom Mai/Juli dieses Jahres datiert und jetzt vom AOK-Bundesverband in Neuruppin präsentiert wurde, enthält drei Botschaften:

• Erstens: Die soziale Komponente der GKV war den Versicherten noch nie so viel wert wie heute.

• Zweitens: Die Unzufriedenheit mit dem System wächst, und die Zukunft wird pessimistisch gesehen.

• Drittens: Für konkrete erfahrbare Leistungen, etwa die der Ärzte, gibt es hingegen gute Noten.

Ärzte sollen diskret und vertrauensvoll sein

Jürgen Klauber vom WIdO erklärt das so: Je konkreter und unmittelbarer Erfahrungen mit Personen und Einrichtungen des Gesundheitswesens sind, desto eher sind sie gut.

Beispiel: 82,5 Prozent der Versicherten äußerten sich zufrieden oder sehr zufrieden mit der Behandlung durch ihren Arzt, Bei Diabetikern sind es sogar fast 87 Prozent. Drei Viertel der Befragten gaben auch der Kooperation unter den beteiligten Ärzten gute Noten. Neun von zehn Versicherten haben einen Hausarzt, der auch bei zwei Dritteln Hausbesuche macht, häufiger bei Älteren und in ländlichen Regionen.

Wie kommt es zu der guten Benotung der konkreten Versorgung? Es gelingt den Ärzten offenbar, weitgehend die wichtigsten Bedürfnisse ihrer Patienten zu erfüllen. Das sind Vertrauen, Diskretion und Überweisung zum Spezialisten, wenn es nötig ist. Das ist für fast 90 Prozent der Versicherten das Wichtigste - und über 90 Prozent sind damit zufrieden. Dagegen erwarten nur 30 Prozent in dem Fall die Verordnung eines Medikaments.

Ganz anders fällt das Urteil der Versicherten aus, wenn sie nach ihrer Systemperspektive befragt werden. Die wird offenbar beeinflusst durch politische Debatten, Medienberichte, Reformpläne und die Kritik daran. Aus dieser Perspektive ist das deutsche Gesundheitswesen auf der abschüssigen Bahn: Nur noch knapp 30 Prozent sind mit dem System zufrieden oder gar sehr zufrieden. Ein genauso großer Teil ist unzufrieden; fast 40 Prozent sagen "teils/teils".

Dabei ist es vor allem der Trend, der Sorgen macht: Nach dem Empfinden der Befragten hat sich deren persönlicher Versicherungsschutz in den letzten Jahren nur bei 7,4 Prozent verbessert, jedoch bei 31,9 Prozent verschlechtert. Fast 60 Prozent glauben, dass das Leistungsspektrum der Krankenversicherung künftig abnimmt.

Das GKV-Solidarprinzip ist Deutschen heilig

Anders sieht dies wiederum aus, wenn nach der Zufriedenheit mit der eigenen Krankenkasse des Versicherten gefragt wird. Fast 72 Prozent sind danach aktuell zufrieden oder sehr zufrieden, das sind 3,1 Prozentpunkte mehr als bei der Vorjahresbefragung. Auf 6,4 Prozent hat allerdings der Anteil der Unzufriedenen leicht zugenommen (plus 0,7 Punkte).

Trend läuft gegen die PKV - Zweifel im eigenen Lager

Aufschlussreich sind auch die Unterschiede von GKV- und PKV-Versicherten über ihre jeweiligen Versicherungssysteme. Das Statement "Das deutsche Gesundheitswesen bietet eine hochwertige medizinische Versorgung" unterschreiben 56,8 Prozent der GKV-Versicherten, aber fast 70 Prozent der Privatversicherten.

Doch in der Privatmedizin ist nicht alles Gold, was glänzt: Während 44 Prozent der GKV-Versicherten eine gute Zusammenarbeit unter Ärzten und Kliniken feststellen, sind es bei den Privatversicherten nur 36,2 Prozent.

Ein weiterer Schwachpunkt aus der Sicht von Privatpatienten: 17,5 Prozent von ihnen berichten, dass ihnen nach ihrem Eindruck Untersuchungen und Behandlungen vom Arzt angeboten werden, die nicht notwendig waren. Bei den Kassenpatienten ist das nur die Hälfte (8,1 Prozent).

Generell läuft der Trend besorgniserregend gegen die PKV - in der Gesamtbevölkerung wie bei der eigenen Klientel: 57 Prozent aller Befragten sind dafür, dass sich alle Bürger in der GKV versichern sollten; vor vier Jahren hatten sich dafür nur 44,8 Prozent ausgesprochen.

Bei den Privatversicherten ist das Konzept Bürgerversicherung zwar nicht mehrheitsfähig, aber der Anteil derer, die es befürworten, ist binnen vier Jahren von 22,8 auf 30,1 Prozent gestiegen. Und nur noch 18,2 (nach 24,6 Prozent) sind der Überzeugung, dass die PKV die richtige Versicherung für alle wäre.

Dieser Trend stimmt überein mit als immer wichtiger bewerteten sozialen Komponente der gesetzlichen Krankenversicherung: der kostenfreien Mitversicherung von Kindern, dem einkommensabhängigen Beitrag und dem Generationenausgleich. Die Zustimmung zu diesen Elementen des Solidarprinzips liegt zwischen 70 und über 90 Prozent.

[13.09.2010, 18:51:29]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Manchmal ist der Rüssel schlauer als der Elefant" (indisches Sprichwort) - oder war es umgekehrt?
Manche denken, die Rüssel (Politiker) seien schlauer als die Elefanten (Wählerinnen und Wähler), aber bei den von Herrn Armin Laschet brillant referierten Befragungen zur GKV sind die Elefanten schlauer als ihre Rüssel. Die Solidarität ist im Krankheits-, Not- und Ernstfall für sehr viele Menschen in unserem Land kein antiquierter Begriff, sondern eine vitale Notwendigkeit bei Untersuchung, medizinischer Diagnostik und Therapie im notfallmedizinischen, operativen, kurativen und palliativen Bereich.

Dabei ist die Extremform von Gesundheits-(Zusatz)-Prämien, die Kopfpauschale, sicher nicht verfassungsgemäß: Sie wäre eine gigantische Umverteilung von Unten nach Oben gewesen. Monatseinkommen ab 3.750 Euro aufwärts hätten demnach statt derzeit 558,75 Euro (=14,9%) mit 250 Euro mtl. weniger als die Hälfte bezahlen müssen. Dieses Manko hätte die Masse der kleinen und mittleren Einkommen mit ihren "Kopfpauschalen" von mtl. 250 Euro (bei 1.000 Euro Einkommen mtl. sind das 25%!) unterfüttern und egalisieren müssen. Nur sozialhilfeähnliche Einkommensverhältnisse wären steuerlich unterstützt worden.

Doch auch die derzeit geplante Beitragssatzerhöhung um 0,3%, bei Arbeitnehmern auf 8,2% (statt 7,9) und Arbeitgebern auf 7,3% (statt 7,0) in den Gesundheitsfonds der GKV ist nicht angemessen, gerecht und solidarisch. Der Höchstsatz mit 15,5% beträgt dann 581,25 Euro mtl. bei der Beitragsbemessungsgrenze von 3.750 Euro Monatseinkommen. Wer aber z. B. 8.000 mtl. verdient, zahlt auch nur 581,25 in die GKV und damit nur 7,3% ! Die Beitragsbemessungsgrenze auf 4.500 Euro zu erhöhen und zeitgleich Gutverdiener, Vermögende, Reiche und von Kapital-, Beteiligungs- bzw. Mieteinkünften Lebende solidarisch zur Finanzierung der GKV mit heranzuziehen, wäre eine gerechtere Alternative als pauschale GKV-Zusatzbeiträge.

Die befragte Öffentlichkeit gibt der "Bürgerversicherung" mit solidarischer Versicherungspflicht für Alle und den Möglichkeiten privater Vorsorge und zusätzlichem Schutz durch Privatversicherungen der Vorzug.
Was nun, liebe Bundesregierung?

fragt sich Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM in Dortmund
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