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Ärzte Zeitung, 21.09.2010

Hoffnungsschimmer für Schmerz-Patienten

Viele Schmerzpatienten warten darauf, adäquat versorgt zu werden. Aktuelle Zahlen belegen einen enormen Bedarf. Das SchmerzNetzNRW will neue Wege gehen, um im Schulterschluss mit Hausärzten die Versorgung zu verbessern. Zu einem ersten Austausch kam es in Köln.

Von Wolfgang van den Bergh

Hoffnungsschimmer für Schmerz-Patienten

Qualvolle Schmerzen - da helfen oft nur starke Medikamente.

© Wigger/DAK

KÖLN. Von den etwa 13 Millionen Schmerzpatienten in Deutschland sind etwa acht Millionen Menschen behandlungsbedürftig. Tatsächlich sind im Jahre 2008 nur 440 000 Patienten in den bundesweit 526 schmerztherapeutischen Zentren versorgt worden.

Nüchterne Zahlen, die ein eklatantes Defizit in der Versorgung von Schmerzpatienten belegen und jetzt auf der ersten Konsensus-Konferenz "Schmerztherapie NRW-Agenda 2013" vorgestellt worden sind. Dabei geht es weniger um die Versorgung von Patienten mit akuten Schmerzen. Viel größere Sorgen bereiten den Therapeuten die Patienten, die unter chronischen Schmerzen leiden und immer noch viel zu spät zum Spezialisten oder viel zu früh in die Klinik eingewiesen werden. Um gerade diese Patienten zu Beginn ihrer Schmerzkarriere zu identifizieren, setzt das SchmerzNetzNRW in Köln auf eine multimodale Schmerztherapie. Dabei nehmen Hausärzte eine Schlüsselrolle ein.

Schmerzpatienten müssen nicht immer in die Klinik

Den Startschuss für ein zwischen Therapeuten, Hausärzten und Krankenkassen abgestimmtes Vorgehen in der Behandlung chronisch kranker Schmerzpatienten hat das SchmerzNetzNRW auf einer von den Arzneimittelherstellern Grünenthal, Janssen-Cilag, Mundipharma und Pfizer unterstützten Veranstaltung in Köln gegeben. Ziel war es, neben einer Status-quo-Beschreibung den Grundstein für ein kooperatives und integratives Versorgungsmodell für Nordrhein-Westfalen zu erarbeiten.

Dr. Klaus Strick, Vorstand im SchmerzNetzNRW, beschrieb dabei die Erwartungshaltung an den Hausarzt. Er soll auf der Grundlage der Erstanamnese in Kombination mit einem vom Patienten auszufüllenden Fragebogen entscheiden, ob der Patient zur differenzialdiagnostischen Abklärung an einen Facharzt oder direkt an ein Schmerzzentrum überwiesen wird. Im Schmerzzentrum arbeiten Schmerztherapeuten, Psychotherapeuten und Physiotherapeuten zusammen, die dann den Therapieplan für den Patienten erstellen. Voraussetzung für den Erfolg der Therapie sei eine hohe Behandlungsintensität, ein klares Behandlungskonzept sowie der elektronisch gestützte Austausch der Patientendaten, so Strick: "Hier geht leider immer noch wertvolle Zeit verloren."

Strick, der ein Schmerzentrum in Köln leitet, ist davon überzeugt, dass bis zu 95 Prozent aller chronisch schmerzkranken Patienten ambulant behandelt werden könnten. Eine Größenordnung, die auch von seiner Vorstandskollegin im Netzwerk, Dr. Hildegard Schneider-Nutz, bestätigt wird. Es gebe eine Fehlsteuerung durch "sinnlose stationäre Aufenthalte", so die Therapeutin.

Schneider-Nutz monierte in diesem Zusammenhang die Vergütungsregelungen, die völlig unzureichend seien. So hätten die Therapeuten allein im ersten Quartal 2010 Umsatzeinbußen von 20 und 30 Prozent hinnehmen müssen - und das, obwohl ein Therapeut nicht mehr als 300 Patienten im Quartal behandeln dürfe "und das Geld von den Kassen eigentlich dafür bereitgestellt wird".

Um Versorgungsengpässe bei den Therapeuten zu verhindern, unterstützt Schneider-Nutz die Forderung von Strick, dass chronische Schmerzpatienten, wenn sie denn vom Spezialisten eingestellt worden sind, vom Hausarzt weiterbehandelt werden sollen. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass der Hausarzt vom Arzneimittelregress befreit werde.

Hausärzte könnten mit Therapeuten kooperieren

Dr. Oliver Funken, Hausarzt in Rheinbach, sieht den Schlüssel zum Erfolg in der Anwendung der vom Gesetzgeber geschaffenen Vertragsvielfalt. Die hausarztzentrierte Versorgung könne etwa dazu führen, die Zusammenarbeit mit den Schmerztherapeuten zu fördern. Dadurch könnten stationäre Aufenthalte deutlich reduziert werden. Dann müsse auch das Geld der Leistung folgen.

Dafür zeigte sich Dr. Ursula Marschall, Leiterin des Kompetenzzentrums Gesundheit bei der Barmer/GEK, sehr aufgeschlossen. Das Thema Schmerz entwickele sich zu einem immer größer werdenden Problem. 2009 habe die Versorgung eines chronischen Schmerzpatienten etwa 8100 Euro gekostet. Dabei lagen allein die stationären Kosten bei über 2800 Euro. Besorgniserregend seien vor allem die vielen Schmerzpatienten zwischen 50 und 57. Ziel müsse sein, die Versorgungsangebote so zu verbessern, dass diese Patienten wieder in den Arbeitsprozess integriert werden können.

Unstreitig ist dabei die Arbeit der Schmerztherapeuten. Das belegte Harry Kletzko, Vize-Präsident der Deutschen Schmerzliga anhand von Daten einer aktuellen Studie (Juli 2010), in der über 1000 Schmerzpatienten umfassend befragt worden waren. Kletzko: "Die meisten Patienten loben die Zusammenarbeit mit dem Therapeuten, etwa, weil sie bei Therapieentscheidungen vom Arzt einbezogen werden (65,4 Prozent)." Insgesamt, so Kletzko weiter, werde allerdings die Versorgungssituation nicht sehr positiv eingeschätzt. Weitere Ergebnisse der Untersuchung sollen in den nächsten Monaten veröffentlich werden.

Aktivitäten der Arzneimittelhersteller rund um das Thema Schmerz - eine Auswahl

Beim Thema Schmerz konzentrieren sich die Arzneimittelhersteller nicht nur auf die Entwicklung neuer Wirkstoffe. Darüber hinaus gibt es ein breites projektbezogenes Engagement, das ganz wesentlich der Versorgungsforschung diene, sagte Dr. Siegfried Throm, Geschäftsführer Forschung und Entwicklung beim Verband Forschender Arzneimittelhersteller, in der 1. Konsensus Konferenz des SchmerzNetzNRW in Köln. Stellvertretend für andere Projekte nannte Throm vier Beispiele:

"meet" ist ein Projekt, das das Unternehmen Pfizer anbietet. Es steht für "medical education transfer". Das Fortbildungsangebot unter anderem für Ärzte, medizinisches Fachpersonal und Versorgungsnetze ist unabhängig, neutral, transparent und von der Ärztekammer zertifiziert. Throm: "Es darf keinerlei Produktwerbung gemacht werden." Im Mittelpunkt stehen Workshops, die die interdisziplinäre Zusammenarbeit fördern sollen. Für das kommende Jahr ist ein Internet-Auftritt in Vorbereitung.

"Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster" ist ein Projekt, das in diesem Jahr gestartet ist und bis zum Jahre 2012 laufen soll. Gefördert wird das Projekt durch die Stadt Münster, das Land Salzburg und die Firma Mundipharma. Im Wesentlichen geht es um praxisnahe Versorgungsforschung unter der Fragestellung: "Wie sieht die Versorgung von Schmerzpatienten innerhalb eines städtischen Gesundheitssystems aus - in Kliniken, Einrichtungen der Altenhilfe, Schmerzpraxen, Hospizen oder ambulante Pflegedienste?"

Für den Versorgungsatlas Schmerz setzt sich das Unternehmen Grünenthal ein. Auf der Basis von Kassen-Routinedaten werden unter anderem Krankheitskosten, Versorgungsstruktur und Arzneimitteltherapie von Schmerpatienten analysiert. Zudem werden Prädiktoren ermittelt, die frühzeitig eine Identifikation von Patienten mit einem wahrscheinlich schweren Krankheitsverlauf ermöglichen. Zur Teilgruppe der Rückenschmerzpatienten liegen bereits umfangreiche Informationen vor, die derzeit in einer Publikation vorbereitet werden.

Das Projekt PARES (Pain Research) der Firma Janssen-Cilag ist europaweit ausgerichtet. Im Zentrum steht eine Patientenbefragung zum chronischen Schmerz. Ziel ist es, durch die Erhebung die wahren Bedürfnisse der Patienten bei der Schmerztherapie herauszufinden. Die Befragung findet in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Schmerz und Palliativmedizin statt. Allein in Deutschland wurden bereits mehr als 1000 Patienten befragt. Die Ergebnisse sollen Ende des Jahres veröffentlicht werden. (vdb)

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