Ärzte Zeitung, 19.01.2011

Von Niederbayern nach Kundus: Ärzte üben für den Ernstfall

Auch für den Sanitätsdienst wird der Einsatz in Afghanistan immer gefährlicher. Dr. Christoph Jänig gehört zu den Sanitätsoffizieren, die künftig direkt an der Front versorgen werden. Ein Besuch im Ausbildungslager.

Von Rebecca Beerheide

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Für Oberstabsarzt Dr. Christoph Jänig steht ab Ende Januar der sechste Auslandseinsatz mit der Bundeswehr bevor.

© bee

FELDKIRCHEN. Im dichten Unterholz helfen nur noch Schneeketten. Der Boden ist aufgeweicht, viele Stellen halten dem Gewicht der Bundeswehrfahrzeuge der Marke "Mungo" und "Wolf" nicht stand.

Der Konvoi stoppt an einem schmalen Feldweg. Eine Sprengfalle könnte unter einer kleinen Brücke liegen, die über einen zugefrorenen Weiher führt. Die Soldaten steigen aus - laut Militärjargon "sitzen sie ab" - erkunden das Gelände, immer auf der Hut vor einem Hinterhalt.

Natürlich gibt es im tief verschneiten Bayerischen Wald rund um das Gelände der Gäubodenkaserne in Feldkirchen keine Sprengfallen am Straßenrand. Hier versteckt sich kein Feind hinter den Baumgruppen.

Die Soldaten, die hier auf einem Lehrgang nach Niederbayern ausgebildet werden, sind keine Infanteristen, sondern Sanitätsoffiziere, die für ihren nächsten Auslandseinsatz in Afghanistan vorbereitet werden.

Hier ist es noch möglich, in ungepanzerten Sanitätsfahrzeugen zu fahren. Denn das rote Kreuz bietet in Afghanistan keinen Schutz - es ist zur beliebten Zielschreibe der Taliban geworden. Auf Vereinbarungen aus dem Kriegsrecht, wonach Sanitätsfahrzeuge nicht angegriffen werden, können sich westliche Armeen am Hindukusch nicht verlassen.

In dieser Übung am Sanitätslehrregiment lernen die Ärzte, was sie in Afghanistan erwartet, wenn sie die Infanterie auf Patrouille als "Beweglicher Arzttrupp", dem militärischen Gegenstück zum Notarztwagen, begleiten. Wenn aus einer Routinefahrt ein Zwischenfall wird, können Verletzte schnell versorgt werden.

Bei dem Lehrgang wird auch trainiert, wie sich die Soldaten verhalten müssen, wenn es Auffälligkeiten an der Strecke gibt. Für die Übung stehen Armee-Angehörige in bunten Mänteln an unübersichtlichen Engstellen, winken freundlich den Militärfahrzeugen zu.

Eine kurze Mitteilung an den Patrouillenführer genügt, um den Konvoi auf Gefahren einzustellen. Kurz darauf halten die Wagen an, wieder absitzen, kurze Manöverkritik mit dem Ausbildungsleiter.

Der Ton ist sachlich, ruhig und kameradschaftlich. Die Frauen und Männer des Lehrganges sind keine Rekruten, viele von ihnen haben schon einige Einsätze hinter sich.

So auch Oberstabsarzt Dr. Christoph Jänig. Wenn es für den am Bundeswehrkrankenhaus in Koblenz stationierten Anästhesisten Ende Januar für acht Wochen nach Kundus geht, dann ist er zum sechsten Mal im Ausland: Elfenbeinküste, Kongo, Kosovo und nun zum dritten Mal Afghanistan. Und dabei ist er erst 33 Jahre.

In Afghanistan haben sich seine Einsätze mit den Jahren deutlich geändert. 2004, kurz nach dem Ende seines Medizinstudiums bei der Bundeswehr, ging er noch selbst auf Visite in afghanische Kliniken, sah Krankheitsbilder, die man in Westeuropa nur aus dem Lehrbuch kennt.

2008 war Jänig wieder am Hindukusch. Doch da gab es den aktiven Austausch zwischen den Ärzten der Bundeswehr und Kollegen an afghanischen Kliniken wegen der veränderten Sicherheitslage kaum noch. Damit schwindet aber auch eine gewisse Anerkennung für die Bundeswehr in der Bevölkerung.

Ohne Maschinengewehr und Pistole geht es nicht

Die Sanitätsoffiziere bleiben oft in den Feldlager-Kliniken. Jänig wird ab Ende Januar in einem beweglichen Einsatzkommando ins Luftlandezentrum in der Nähe von Kundus eingesetzt.

Dieses Luftlandezentrum ist ein kleines Rettungszentrum, hat weniger Ausstattung als eine mobile Klinik, übernimmt aber die notfallmedizinische und chirurgische Erstversorgung bei den "FOB‘s" - das sind vorgeschobene Operationseinheiten, die direkt an der Kriegsfront stehen.

Das bedeutet tägliche Gefahr während der Versorgung von Kameraden. Daher trägt Jänig ständig Waffen bei sich: ein Maschinengewehr über der Schulter, eine Pistole an der Hose auf der Höhe des Oberschenkels.

Ein Arzt mit Waffen? "Ich sehe sie als Selbstschutz und zur Selbstverteidigung", erzählt Jänig. In gesicherter Umgebung legt er während der Behandlung das Maschinengewehr ab, die Pistole bleibt am Körper. "Es wird schon sportlich, wenn ich mit zu viel Ausrüstung auf dem Rücken einen Kameraden versorgen muss." In den Taschen über der schusssicheren Weste sind Druckverbände, Kompressen und Infusionsbeutel.

Verbandsmaterial wird in der nächsten Übungssituation gebraucht: Die sieben Wagen passieren eine mutmaßliche Sprengfalle - ein lauter Knall, dann steigt gelber Rauch auf.

Jetzt ist schnelles und richtiges Handeln gefragt: Ein Kamerad ist verletzt, die Fahrzeuge müssen aus der Gefahrenstelle raus und im Gelände so abgestellt werden, dass der Verletzte sicher geborgen und von einem Arzt versorgt werden kann.

In der Realität am Hindukusch kann es schon einmal bis zu zwei Stunden dauern, bis verwundete Soldaten versorgt werden können. "Der Reflex ist sehr groß, schnell helfen zu wollen. Doch die Sicherheit der Truppe und auch meine Sicherheit gehen vor", erzählt Jänig.

In der Übung werden die Abläufe und Handgriffe für die Rettung einstudiert: Noch im Wagen versorgt ein Arzt die Kopfwunde, später wird der Soldat auf eine Liege gehoben und in den "Krankenkraftwagen 2t" gebracht. Dann wird das gefährliche Gelände wieder verlassen.

Auch Ärzte übernehmen die Nachtwache

Bei dieser Übung hat Oberstabsarzt Jänig ganz im Sinne eines regulären Infanteristen die Szene abgesichert -  an vorderster Stelle mit dem Maschinengewehr in der Hand. In solchen Situationen ist Jänig auch in der Realität am 5000 Kilometer entfernten Hindukusch gefragt.

"Ich bin kein großer Infanterist", sagt er, doch absichern müsse er auch können. Auch wenn Soldaten bei einer Patrouillenfahrt über Nacht draußen bleiben, schiebt schon mal der Sanitätsoffizier die Nachtwache.

"Natürlich übernehme ich das", so Jänig. "Es ist mir auch lieber, wenn der Arzt am nächsten Tag etwas müde ist, statt der Kameraden, die die Fahrzeuge fahren oder die Truppe absichern müssen."

Solche Erlebnisse schweißen zusammen. Das Vertrauensverhältnis zwischen den Soldaten und ihren Ärzten sei besonders gut während des Einsatzes, findet Jänig. "Hier bin ich viel näher dran an den Kameraden, als wenn ich als Truppenarzt im Feldlager arbeite", erzählt er.

Draußen bekomme er direkt mit, wenn ein Soldat etwas erlebt hat, das ihn belasten und sich später zu einer posttraumatischen Belastungsstörung entwickeln könnte. "Hier im Einsatz haben wir ein dichtes Netz aus dem Sanitätsoffizier, dem Truppenarzt und einem Militärseelsorger."

Das kann helfen, den ersten Schock zu lindern, doch die Traumatisierung kommt oft, wenn die Soldaten nach Hause zu rückkehren - und dort fehlt für eine psychotherapeutische Versorgung über die Hälfte der dafür vorgesehenen Ärzte.

An "nach Hause" denkt Jänig schon jetzt, obwohl er bereits für seinen nächsten Afghanistaneinsatz 2012 unterschrieben hat. "Ich gehe gerne in den Einsatz, aber freiwillig nicht mehr als nötig."

Seine Familie macht sich immer mehr Sorgen, wenn er weg ist. Daher kennt er auch das Ende seiner Dienstzeit genau: Im Juni 2016 ist Schluss - dann will er in einem zivilen Krankenhaus arbeiten.

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