Ärzte Zeitung, 11.02.2011

Der Standpunkt

Wahnsinnige Skandale

Von Helmut Laschet

Wahnsinnige Skandale

Helmut Laschet ist Ressortleiter Gesundheitspolitik und stellvertr. Chefredakteur der Ärzte Zeitung. Schreiben Sie ihm: helmut.laschet@springer.com

Deutschland hangelt sich von Skandal zu Skandal. Diese Woche war es der Wartezeiten-Skandal, der Politik und Medien zur höchsten Erregungsstufe trieb. Monatelang müssten psychisch Kranke auf Behandlung warten, beklagt die Bundespsychotherapeutenkammer und spricht von einem "Skandal".

 Die SPD wollte den Fachärzten ans Leder - wegen der Wartezeiten von Kassenpatienten. Bis vor kurzem galt bei der SPD, dass niedergelassene Fachärzte weitgehend überflüssig seien. Urplötzlich gibt es zu wenig.

Die meisten politischen Rezepte, die gegen tatsächlich oder vermeintlichen Mangel angeboten werden, sind jedoch untauglich, weil sie einer dumpfen Tonnenideologie entspringen: mehr Geld, mehr Pfleger, mehr Ärzte, mehr Psychotherapeuten.

Mehr Geld wäre noch zu besorgen - bei anderer Prioritätensetzung. Aber: Mehr Menschen für mehr Arbeit werden wir auch in Medizin und Pflege absehbar nicht haben. Der Geburtenrückgang seit Ende der 60er Jahre ist ein Faktum!

Angesichts dessen geht unsere Gesellschaft verschwenderisch mit arbeitenden Menschen um. Jeder fünfte Mitarbeiter in der deutschen Wirtschaft hat innerlich gekündigt, so eine aktuelle Gallup-Umfrage. Nur jeder siebte hat eine emotionale Bindung an sein Unternehmen.

 Die Qualität der Mitarbeiterführung in Medizin und Pflege ist womöglich noch schlechter - innere Kündigung und Burn out noch häufiger. Während die Philosophen der Qualitätssicherung die Latte objektiver Parameter immer höher legen, wird vergessen, dass 90 Prozent der Leistungen im Gesundheitswesen von menschlicher Arbeit abhängig sind.

Die Frage ist: Wie wird mit diesen Menschen umgegangen? Erleben sie ihre Arbeit als restriktives, gar repressives und kaltes Wettbewerbssystem ? Wird jeder Fehler skandalisiert? Wird jede Herausforderung als Risiko verstanden, an dem man nur scheitern kann? Oder gibt es Rahmenbedingungen und Anreize, Herausforderungen als Chance zu begreifen?

Das erfordert eine kulturelle Änderung, die nicht per Gesetz verordnet werden kann.

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