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Ärzte Zeitung, 10.03.2011

Interview

"Es gibt noch Reserven im Gesundheitssystem"

Am 20. März wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Schon jetzt steht fest, dass es danach einen neuen Ministerpräsidenten gibt. Der amtierende Regierungschef Professor Wolfgang Böhmer (CDU) tritt nicht mehr an. Die "Ärzte Zeitung" sprach mit ihm.

"Es gibt noch Reserven im Gesundheitssystem"

Arzt und Ministerpräsident Böhmer: "Es wird nicht möglich sein, eine ständig bessere Versorgung zu gleichbleibenden Preisen haben zu wollen."

© Viktoria Kühne

Ärzte Zeitung: Bei einem Empfang in diesem Jahr haben Sie die Vielzahl der Gesetze zur Reformierung des Gesundheitswesens aufgelistet. Ständig wurde erneuert, geändert, verworfen. Ist bei diesem Hin und Her eine gute medizinische Versorgung überhaupt noch sicher?

Böhmer: Die Qualität der medizinischen Versorgung hängt ja nicht nur davon ab, wie die Kassen ihre Ausgaben finanzieren. Selbst durch die Kostendämpfung und Budgetbegrenzungsgesetze muss die medizinische Versorgung nicht unsicherer werden. Solange noch bei gleichen Fällen erhebliche Kostenunterschiede innerhalb Deutschlands bestehen, gibt es offenbar noch Reserven.

Ärzte Zeitung: Wie gelingt es, Bürger für ihre eigene Gesundheit mehr in die Pflicht zu nehmen?

Professor Wolfgang Böhmer (CDU)

Aktuelle Position: Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt

Werdegang/Ausbildung: 1959 Promotion zum Dr. med. an der Universität Leipzig, 1960 bis 1973 Arzt an der Frauenklinik in Görlitz, 1974 bis 1991 Chefarzt in Wittenberg, 1983 Habilitation

Karriere: seit seinem ersten Einzug für die CDU in den Landtag von Sachsen-Anhalt unter anderem Finanzminister (1991-1993), Sozialminister (1993-1994), seit Mai 2002 Ministerpräsident.

Böhmer: Das geht letztlich nur mit einer durch Kostenbeteiligung induzierten höheren Eigenbeteiligung. Der einzelne Versicherte muss einen erheblichen Vorteil vom eigenen Gesundheitsverhalten haben. Leider kann man das nur durch finanzielle Anreize schaffen.

Ärzte Zeitung: Sie wollen die Zukunft der Gesundheitspolitik nicht von der Erfüllung aller Wünsche abhängig machen. Was meinen Sie konkret und was bleibt letzten Endes übrig?

Böhmer: Es wird nicht möglich sein, eine ständig bessere medizinische Versorgung zu gleichbleibenden Preisen haben zu wollen. Die demografische Entwicklung allein wird dazu führen, dass öffentlich darüber nachgedacht werden muss, was notwendig ist und was nicht.

Ärzte Zeitung: Wird es in Deutschland früher oder später einen Leistungskatalog der Grundversorgung geben?

Böhmer: Das ist zu erwarten.

Ärzte Zeitung: Größter Kostenfaktor innerhalb des Gesundheitswesens sind die Krankenhäuser. Selbst die Einführung der DRGs führte Ihrer Meinung nach zu Mengenausweitungen, zum "Morbiditätsfinden". Wie werden Kliniken effizienter?

Böhmer: Dass die Krankenhäuser den größten Ausgabenblock darstellen, ist zu erwarten. Das allein berechtigt nicht zu der Vermutung, dass Patienten nur ihrem Arzt zuliebe ohne medizinische Notwendigkeit in ein Krankenhaus gingen.

Solange die DRG-Sätze für einzelne Diagnosen zwischen den einzelnen Ländern noch weit auseinander liegen, ist es gerechtfertigt, darüber nachzudenken, welche Gründe das hat und wie man die Sätze angleichen kann.

Ärzte Zeitung: Wie könnte ein Weg zu echter Verzahnung und Vernetzung von ambulanter und stationärer Versorgung aussehen?

Böhmer: Indem man mehr integrierte Versorgung schafft und die stationäre und ambulante Tätigkeit organisatorisch und personell mehr verzahnt. Bei den gegenwärtigen Strukturen setzt das zumindest Kooperationsverträge zwischen Kassenärztlichen Vereinigungen und stationären Einrichtungen voraus.

Ärzte Zeitung: Meinen Sie damit konkret die Aufhebung der sektoralen Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung?

Böhmer: Zunächst ist eine Verzahnung dieser Bereiche notwendig. Eine völlige Aufhebung würde eine neue Zuordnung des Sicherstellungsauftrags notwendig machen.

Ärzte Zeitung: Warum wollen Sie am Finanzausgleich zwischen den Krankenkassen festhalten?

Böhmer: Weil die Alters- und die Morbiditätsstrukturen unterschiedlich sind. Ein bundesweiter solidarischer Ausgleich ist auf alle Fälle gerechter, als wenn Länder mit stark unterschiedlicher Wirtschaftskraft dies jeweils nur innerhalb ihrer Länder organisieren müssen.

Ärzte Zeitung: Rabattverträge sind Kostendämpfer innerhalb des Gesundheitssystems. Andererseits können sie länderbezogen zu wirtschaftlichen Einbußen durch höhere Arbeitslosigkeit und damit geringeren Beitragsgeldern für die Gesetzliche Krankenversicherung führen. Ein Teufelskreis?

Böhmer: Ein Teufelskreis, der keiner sein muss. Der Zuschlag sollte an den günstigsten, aber nicht unbedingt den billigsten Anbieter gehen. Günstig ist auch ein Anbieter, der im eigenen Verantwortungsbereich Arbeitsplätze schafft.

Ärzte Zeitung: Sie haben unlängst gesagt: "Ich hätte mir Politik gelegentlich anders vorgestellt". Was sollte sich in der Politik verändern?

Böhmer: Der Umgang zwischen den politischen Parteien.

Ärzte Zeitung: Wie halten Sie sich gesund?

Böhmer: In dem ich nicht so viel esse, was mir schmeckt, und ich mich im Rahmen des zeitlich Möglichen körperlich betätige.

Das Gespräch führte Petra Zieler.

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