Ärzte Zeitung, 07.06.2011

Hintergrund

Medizin wird weiblicher: Ärztinnen auf dem Vormarsch

Ärztinnen sehen sich in wenigen Jahren in Führungspositionen. Sie haben Freude am Beruf und planen ihre Karriere. Das wird sich auch in der Selbstverwaltung niederschlagen.

Von Dirk Schnack

Männerwirtschaft adé - Ärztinnen starten mit Lust und Liebe ihre Karriere

Ärztin und Mutter: Das soll künftig leichter vereinbar sein.

© Kurhan / fotolia.com

Selbstbewusst, politisch engagiert, ihr herausforderndes Studium genießend: So sieht Professor Gabriele Kaczmarczyk ihre jüngeren Kolleginnen in wenigen Jahren. Die Anästhesistin und Gastprofessorin an der Charité gehört zu den vom Deutschen Ärztinnenbund befragten Kolleginnen, die ihre Perspektiven für 2020 schildern sollten.

Denn die Zukunft der Medizin ist weiblich, wie es immer wieder heißt - doch der Ärztinnenbund wollte auch wissen, wie denn die Zukunft der Medizinerinnen aussieht.

Herausgekommen ist ein buntes Spektrum an Erwartungen heute erfolgreicher Ärztinnen, das vor allem eines zeigt: Ärztinnen gehen mit viel Optimismus und Selbstbewusstsein in ihr Studium, in die Tätigkeit im Krankenhaus und in die Niederlassung.

Kaczmarczyk etwa erwartet, dass ihre Kolleginnen künftig auf Stationen und in Polikliniken gern gesehen sind. "Sie kennen ihre Hochschullehrer, die zum Teil ihre Mentoren sind und finden es selbstverständlich, dass auch Lehrstuhlinhaber persönlich lehren."

Carolin Fleischmann, Präsidentin der Medizinstudierenden in Deutschland, sieht in den Hörsälen eine Generation, die ihr Studium zumeist aus der Intention heraus wählen, trotz manch negativer Beschreibung der ärztlichen Tätigkeit, als Arzt tätig sein wollen: "Sie sind motiviert und bereit, viel zu geben."

Die niedergelassene Allgemeinärztin Dr. Monika Buchalik pocht darauf, dass auch niedergelassene Ärzte und Ärztinnen ein Recht auf geregelte Arbeitszeiten haben sollten. "Um dieses Ziel zu erreichen, brauchenwir die Etablierung flächendeckender Bereitschaftsdienstzentralen und die Stärkung der Selbstständigkeit durch die Schaffung eines angemessenen und kalkulierbaren Honorars", sagt Buchalik.

Es könne nicht sein, dass Hausärzte mit betreuungspflichtigen Angehörigen täglich 24 Stunden lang für die medizinische Versorgung zuständig sein müssen und ihnen damit ein geregeltes Privatleben unmöglich gemacht werde. Sie sieht in der Praxis wertvolle Selbstbestimmungsmöglichkeiten: "Sie sind unabhängig und können ihre Arbeitszeit zum Beispiel dem Stundenplan ihrer Kinder anpassen", nennt Buchalik als Vorteil der Niederlassung.

Damit Krankenhäuser konkurrenzfähig bleiben, wird es nach Überzeugung von Dr. Inke-Iria Bruns vom Deutschen Ärztinnenbund notwendig sein, dass die Arbeitgeber familienfreundliche Arbeitsbedingungen schaffen.

Wichtigstes Element: eine bedarfsgerechte Kinderbetreuung. Darunter versteht sie Öffnungszeiten auch an Wochenenden, Feiertagen und in den Ferien. Auch Hausaufgabenbetreuung und Kooperationen mit Tagesmüttern gehören für sie dazu.

Die vom Ärztinnenbund derzeit noch immer beobachtete Benachteiligung von Ärztinnen in den Gremien ärztlicher Organisationen wird im Jahre 2020 überholt sein, meint Dr. Cornelia Goesmann, die bis zum jüngsten deutschen Ärztetag in Kiel Vizepräsidentin der Bundesärztekammer war.

"Berufsverbände und ärztliche Organisationen beziehen Ärztinnen gleichberechtigt in Entscheidungs- und Diskussionsprozesse mit ein, bei ihren Sitzungen wird Kinderbetreuung organisiert. Bei Wahlen müssen Kolleginnen auch für die Spitzenpositionen vorgesehen werden. Die Diskussionskultur wird sich dadurch wesentlich verbessern", glaubt Goesmann.

Nach Ansicht von Dr. Annegret Schoeller, Bereichsleiterin Dezernat V Krankenhaus der Bundesärztekammer, werden im Jahre 2020 alle Bereiche von Ausbildung und ärztlicher Berufstätigkeit generell und verstärkt auf die Wertschätzung von Familienkompetenz und die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben ausgerichtet sein.

Eine aktivere Rolle von Frauen in den Körperschaften und Berufsverbänden wird dann selbstverständlich sein. Arbeitgeber, so die Erwartung Schoellers, werden ihre Ärztinnen sogar ermutigen, die Gremienarbeit in der ärztlichen Selbstverwaltung wahrzunehmen.

Bei alldem werden die Partner der Ärztinnen stärker gefragt sein als bislang - nämlich nicht nur als Unterstützer, sondern als teilender Partner der Familienarbeit im Verhältnis eins zu eins, wie Kaczmarczyk, erwartet. Bruns mahnt, dass Männer in ihrer Vaterrolle auf Akzeptanz stoßen müssen, etwa wenn sie sich aktiv an der Kinderbetreuung beteiligen.

Zugleich verknüpft Kaczmarczyk ihre Perspektive mit der Beobachtung, dass die jungen Kolleginnen nicht mehr länger nur studieren und "mal sehen, was sich so anbietet", sondern dass sie als Netzwerker verstehen, sich für weibliche Vorbilder interessieren und wissen, wo sie fünf Jahre später stehen wollen.

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