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Ärzte Zeitung, 15.06.2011

MHH als Stiftung - unabhängiger und flexibler

Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) unternimmt den zweiten Versuch, sich zur Stiftungsuniversität zu wandeln und an Flexibilität zu gewinnen.

Von Christian Beneker

HANNOVER. In Niedersachsen arbeiten derzeit fünf Hochschulen als Stiftung, darunter die Stiftung Universität Göttingen und damit die zweite medizinische Fakultät im Nordwesten. Die MHH, mit mehr als 7300 Beschäftigten der größte landeseigene Betrieb in Niedersachsen, stößt nach Auffassung der Leitung an ihre Grenzen.

"Baumaßnahmen, Kooperationen, Beteiligungen und Anmietungen sind durch die Regelwerke der staatlichen Aufsicht mit ihren eng gezogenen Grenzen empfindlich eingeengt", ließ sich MHH-Präsident Dr. Dieter Bitter-Suermann in der Hauszeitung "MHH-Info" zitieren.

Kürzere Berufungsverfahren, schnellere Bauplanung und eigenständigere Vertragsabschlüsse - als Stiftung hätte die MHH "mehr Eigenständigkeit und könnte wirtschaftlich besser agieren", sagte Stefan Zorn, Sprecher der MHH, zur "Ärzte Zeitung". "Wir müssen in den nächsten Jahren ordentlich investieren. Als Stiftung können wir zum Beispiel besser Kredite aufnehmen."

Mehr rechtliche Möglichkeiten als Stiftung?

Als Stiftung wäre die MHH auch besser gegen einen eventuellen Zuschüsse-Schwund aus der Landeskasse gerüstet. Denn als Landesbetrieb müsste die Klinik einen Rückgang hinnehmen. "Als Stiftung könnten wir uns vor Gericht auf einen Vertrag berufen", so Zorn.

MHH in Zahlen

Mitarbeiter: 7319, davon 1249 Ärzte, 1480 Mitarbeiter in der Pflege, 2600 im medizinisch-technischen Dienst, 386 Forscher; 596 Ausbildungsplätze.

Studenten: 2878

Wirtschaft: 583 Millionen Euro Erlöse, 401 Millionen Euro Personalaufwand, Landeszuschuss für Forschung und Lehre: 140 Millionen Euro.

Krankenversorgung: 370 000 ambulante Fälle (MVZ), 54 875 stationär.

Zudem könne die MHH der Gefahr entgehen, in finanziell schweren Zeiten vom Land als Tafelsilber verkauft zu werden, so das Kalkül der Stiftungsbefürworter. Ganz abwegig ist ihr Argument nicht. Denn schon 2008 hat das Land Niedersachsen seine acht Landeskrankenhäuser verkauft, um die Löcher in der Landeskasse mit dem Erlös von rund 107 Millionen Euro stopfen zu können.

"Wenn auch die MHH verkauft würde, wäre dies das Ende des integrativen Modells aus Klinik, Forschung und Lehre", sagte Zorn. Politisch könnte die MHH als Stiftung auch dem immer wieder laut werdenden Plan ein Schnippchen schlagen, die Medizinische Hochschule der Universität anzugliedern und damit ihre Eigenständigkeit einzubüßen. Also - nichts als Vorteile durch die Stiftungshochschule?

Marburger Bund warnt Verlust der Tarifbindung

Wolfgang Boss, Geschäftsführer des Marburger Bundes in Niedersachsen, hat nicht grundsätzlich etwas gegen die Umwandlung in eine Stiftungshochschule. Sorgen macht er sich aber um die Tarife für die Ärzte der MHH.

Da die deutschen Stiftungshochschulen bisher keinen Arbeitgeberverband gegründet haben, haben sich in Niedersachsen die Stiftungshochschulen freiwillig an die Tarife der Tarifgemeinschaft des Bundes und der Länder gehalten.

"Auf den Cent genau", wie Boss sagt. Aber wer weiß, was passiert, wenn das Land ernsthaft klamm wird? "Uns ist grundsätzlich eine echte Tarifbindung lieber als ein Indianer-Ehrenwort", sagte Boss zur "Ärzte Zeitung".

Im April hat ein Lenkungsausschuss aus Senat und Präsidium seine Arbeit aufgenommen. Bis Ende 2011 soll er eine Satzungs-Architektur für die neue Stiftungshochschule auf den Tisch legen.

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