Ärzte Zeitung, 21.07.2011

Aus für Prestigeprojekt der Uniklinik Marburg

Im Marbuger Partikeltherapiezentrum sollten ab November Patienten behandelt werden. Doch daraus wird nichts: Das Projekt ist zu teuer, die Uniklinik trennt sich davon. Die Ärzte vor Ort sprechen von einer Blamage.

Aus für Prestigeprojekt der Uniklinik Marburg

Uniklinik in Marburg: Nun ohne Partikeltherapiezentrum.

© Rolf K. Wegst

MARBURG (coo). Es war das "Leuchtturmprojekt" des privatisierten Marburger Universitätsklinikums. Von einem "Quantensprung in der Krebstherapie" sprach der hessische Wissenschaftsminister.

Seit vier Jahren wird am Partikeltherapiezentrum auf den Marburger Lahnbergen gebaut. Am 14. November sollte das Marburger Partikeltherapiezentrum eingeweiht werden. Nun steht es - zumindest für die Krankenversorgung - vor dem Aus.

Klinikbetreiber Rhön hat das 120-Millionen-Euro-Projekt gestoppt. Die vorhandene Technik soll ausschließlich als Forschungs- und Entwicklungsanlage für den zweiten Projektpartner - die Siemens AG - dienen.

Nicht vorauszusehen

"Das ist eine geplatzte Seifenblase und einfach nur blamabel", urteilt Oberarzt Franz-Josef Schmitz vom Gesamtpersonalrat des Klinikums. "Das ist ein Schlag, den wir nicht erwartet haben", sagt Professor Gerhard Kraft vom Darmstädter Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung, der die Technologie mit entwickelt hat.

Selbst die Leiterin der Marburger Universitätsklinik für Strahlentherapie, Professor Rita Engenhart-Cabillic, wurde von der Entwicklung überrascht: "Das war nicht vorauszusehen", sagt die renommierte Expertin.

Es habe sich herausgestellt, dass sich die Anlage nicht wirtschaftlich betreiben lässt, erklärt Siemens-Sprecher Matthias Krämer: "Diese Technologie ist Neuland. Wir müssen uns eingestehen, dass wir bei der wirtschaftlichen Umsetzung in der Breitenversorgung zu ambitioniert waren."

Jetzt bleibt noch Heidelberg

Weltweit gibt es nur zwei Partikeltherapiezentren der gleichen Betriebsart. Das Shanghai Proton and Heavy Ion Hospital und das vom Bund unterstützte Ionenstrahl-Therapiezentrum in Heidelberg.

Seit der Eröffnung Ende 2009 wurden in Heidelberg gut 400 Patienten behandelt. Die Marburger hatten gehofft, jedes Jahr bis zu 2000 Patienten helfen zu können. Um wirtschaftlich zu arbeiten, sind wohl mehr als 1200 Patienten pro Jahr nötig.

Doch dafür arbeitet die Marburger Anlage nach Insider-Informationen zu langsam. "Wir haben die Komplexität der 40 hochkomplizierten Subsysteme unterschätzt", erklärt Krämer.

Das Zentrum werde aber fertig gebaut und als Test- und Forschungsanlage genutzt. Viele Büros im Gebäude sind auch bereits besetzt.

Einen finanziellen Verlust hat Klinikbetreiber Rhön AG bei der Übergabe an die Siemens AG nicht gemacht, sagt Rhön-Sprecher Hans-Jürgen Heck.

Muss Rhön Gelder zurückzahlen?

Für den privaten Krankenhausbetreiber könnte der Stopp allerdings noch ein Nachspiel haben. Der Bau des Partikeltherapiezentrums war Teil des Vertrages beim Verkauf der mittelhessischen Unikliniken. Wegen der zugesagten Investitionen musste die Rhön AG nur 112 Millionen Euro für die beiden Großkrankenhäuser in Marburg und Gießen zahlen.

Die Gelder für das Partikeltherapiezentrum müsste das Land nun bei der Rhön AG einklagen, fordert der SPD-Landtagsabgeordnete Thomas Spies. "Das prüfen wir jetzt", erklärt Ministeriumssprecher Ulrich Adolphs.

Sie seien selbst von der Entwicklung überrascht worden, über die sie vorher nicht informiert waren.Auch die Stadt Marburg hatte auf 150 neue Arbeitsplätze gehofft, die im Partikeltherapiezentrum entstehen sollten.

Die bereits neu eingestellten Strahlenexperten sollen nun auf andere Stellen innerhalb des Großkrankenhauses versetzt werden. "Wir hoffen, dass es nicht zum Nachteil des Standorts Marburg kommt", sagt Bürgermeister Franz Kahle. Diskutiert wird noch darüber, ob die Anlage für klinische Studien an Krebspatienten genutzt werden kann.

Siemens baut zur Zeit noch eine zweite Anlage in Kiel. Wie es dort weitergeht, ist bislang noch offen.

[21.07.2011, 19:15:15]
Julian Röder 
tatsächlicher Quantensprung
In diesem Fall scheint der Wissenschaftsminister wohl recht behalten zu haben. Bei dem Projekt scheint die Teilchenbewegung so geringfügig gewesen zu sein, dass es sich bei der qualitativen Änderung des Zustandes tatsächlich nur um einen Quantensprung handelt. zum Beitrag »

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