Ärzte Zeitung, 16.08.2011

DocStop: Schnelle Hilfe für LKW-Fahrer

Wenn LKW-Fahrer schnell und autobahnnah medizinische Hilfe brauchen, dann rufen sie DocStop an. Rund 300 niedergelassene Haus- und Fachärzte sowie Kliniken machen bei DocStop mit. Sie haben sich bereit erklärt, Fahrer in Praxis und Klinik - wenn möglich sofort - zu behandeln. Denn für diese Patienten gilt: Zeit ist Geld.

Von Marion Lisson

Hauptsache, es geht fix: Wie DocStop LKW-Fahrern hilft

Hob den Verein DocStop im Jahr 2007 aus der Taufe: Der pensionierte Autobahn-Polizist Rainer Bernickel.

© DocStop

HEIDELBERG. Sebastian braucht einen Arzt. Der Vierzigjährige, der seinen vollen Namen nicht in der Zeitung sehen will, sitzt bereits seit Stunden am Steuer seines 16-Meter langen 40-Tonners. Sein Rücken schmerzt heute unerträglich. Er kann kaum noch sitzen. Zwei Schmerztabletten hat er bereits in den letzten vier Stunden genommen.

Sebastian ist einer der 950.000 Berufskraftfahrer, die täglich in Deutschland unterwegs sind. Heute hat der gebürtige Rheinländer Tische und Stühle geladen - aus dem Norden von Dänemark kommt er, nach Stuttgart geht seine Tour. Mehrere Staus haben seinen Zeitplan durcheinander geworfen. An Rendsburg ist er gerade vorbei gefahren.

"Wat heißt hier krank. Da musste weiterkurven."

"Wat heißt hier krank. Da musste weiterkurven. Die in Stuttgart warten auf die Ware", sagt Sebastian. Seit zwanzig Jahren fährt er. Der Zeitdruck hat zugenommen. Noch vor wenigen Jahren hätte er nun nach der nächsten Schmerztablette gegriffen. Schmerzmittel und Arzneien gegen Magen-Darm-Infekte haben Sebastian und seine Fahrerkollegen immer in ihrer LKW-Apotheke dabei.

Heute ruft Sebastian jedoch bei DocStop an. Über die ADAC-Hotline TruckService bekommen schmerzgeplagte Fahrer sofort bundesweit einen Arzt auf ihrer Strecke genannt, bei dem sie und ihr Gefährt stoppen können. Rund 250 Arztbesuche werden monatlich über die Hotline vermittelt.

In 80 Kilometern - so teilt die Telefondame Sebastian mit - gibt es einen DocStop-Arzt. Sebastian ruft in der Hausarztpraxis an und kündigt sich gegen 13 Uhr an.

"Brummifahrer gehen nur zum Arzt, wenn es superschnell geht und die Praxis quasi an der Autobahn liegt", sagt Rainer Bernickel. Der pensionierte Beamte der Autobahnpolizei gründete 2007 den Verein "DocStop". Zu den Sponsoren von DocStop gehören vor allem Speditionen, denn sie profitieren von der medizinischen Versorgung ihrer Fahrer.

Hauptsache, es geht fix: Wie DocStop LKW-Fahrern hilft

Bezeichnet seine Teilnahme als "kleines soziales Engagement": Hausarzt Dr. Horst Boulanger.

© privat

Über 300 niedergelassene Ärzte und Kliniken machen bei DocStop mittlerweile mit. Das Besondere: Alle Mediziner erklären sich bereit, Truckfahrer so schnell es geht - und wenn möglich sogar sofort - zu behandeln.

"Der hohe Zeitdruck, der auf den Fahrern lastet, macht das erforderlich", so Bernickel. Bei drohenden Zeitverlusten verzichten die Fahrer nämlich eher auf eine medizinische Hilfe und schlucken stattdessen Medikamente, deren Nebenwirkungen ihnen häufig nicht bekannt sind.

Schwere Verkehrsunfälle durch Eigenmedikation

"Das stellt eine Gefahr für alle Verkehrsteilnehmer dar", warnt Bernickel. Es gelte zur Sicherheit aller Autofahrer zu verhindern, dass durch Eigenmedikation oder das Fahren mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen schwere Verkehrsunfälle geschehen.

Einer der niedergelassenen Ärzte, die bei DocStop mitmachen, ist der Allgemeinarzt Dr. Horst Boulanger aus Hamburg. "Als kleines soziales Engagement ohne besonderen Aufwand", bezeichnet der Hamburger Hausarzt seine Unterstützung für DocStop.

Als Sebastian kurz nach 13 Uhr vom drei Kilometer entfernten Rastplatz aus bei ihm anruft, hat Boulanger gerade seine Sprechstunde beendet und seinen letzten Patienten verabschiedet. Boulanger nimmt kurz entschlossen seine Tasche und macht sich auf den Weg zu einem ungewöhnlichen Hausbesuch. "Das ist sicherlich jetzt eine Ausnahme. Normalerweise kommen die Brummifahrer mit dem Taxi in die Praxis", sagt Boulanger.

Ärztliche Hilfe direkt im Fahrerhaus

Doch es passt halt gerade. Sebastian freut sich, als Boulanger wenige Minuten später am Parkplatz vorfährt: "Dat nenn ich Service." Direkt im Fahrerhaus seines großen Trucks erhält er eine Spritze gegen den Hexenschuss. Abgerechnet wird anschließend über die GKV-Karte.

Nur kurze Zeit später kann Sebastian mit seinem Truck Richtung Süddeutschland weiterfahren. Die Schmerzen sind nun weitgehend weg.

Bernickel, der auch Europareferent für Verkehrssicherheit ist, berichtet im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" von den häufigsten Erkrankungen, die die LKW-Fahrer oft plagen: "Meist sind es Rückenschmerzen durch langes Sitzen, anstrengendes Be- und Entladen der Fracht, Kopfschmerzen und Schlafmangel sowie Bauchprobleme aufgrund der schlechten Ernährung auf den langen Strecken."

Berufsfahrer seien zudem gefährdet, aus Übergewicht und hohem Blutdruck resultierende Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verschleppen.

Trucker sollten langfristig Zeit in Gesundheit investieren

Doch auch wenn DocStop und seine Ärzte für den Moment den Fahrern in ihrer akuten Not helfen können - langfristig müssten die Trucker dennoch Zeit in ihre Gesundheit investieren. Auch Sebastian wird nicht umhin kommen, sich gemeinsam mit einem Arzt Gedanken über seinen kranken Rücken zu machen -und sei es die Teilnahme an einer Rückenschule.

Doch für heute hat Sebastian die letzten 400 Kilometer seit Hamburg Dank der Spritze von Hausarzt Boulanger gut verkraftet. "Die Leute von DocStop müsste man erfinden, wenn es sie nicht schon gäbe", sagt er lachend und fährt weiter - seinem Ziel Stuttgart entgegen.

Wie Fahrer über DocStop einen Arzt erreichen

Welcher Arzt oder welches Krankenhaus auf der Strecke liegen, erfahren die LKW-Fahrer über die ADAC Hotline TruckService an 365 Tagen rund um die Uhr: Tel.: 01805/112 024

Dort werden ihnen Öffnungszeiten, Adresse und Telefonnummer sowie Parkplatzmöglichkeiten in der Nähe genannt.

Alle europäischen Landessprachen sind durch die Mitarbeiter der Hotline abgedeckt. Ein Anruf aus dem Festnetz kostet 0,14 Euro, Mobilfunk abweichend. Auch im Internet können die Fahrer alle Partner und Ärzte oder Krankenhäuser abrufen.

www.docstop-online.eu

[16.08.2011, 09:48:04]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Arztbesuche für Brummi-Fahrer!
Wenn tatsächlich eine knappe Million Berufskraftfahrer täglich in Deutschland unterwegs sind, müssen aber nicht nur die Fahrer für ihre Gesundheit und Sicherheit sorgen. Sondern ganz besonders die A r b e i t g e b e r und Speditionsunternehmen sind gefordert, Verantwortung für die körperliche und seelische Unversehrtheit und Stabilität ihrer Mitarbeiter zu übernehmen (Fürsorgepflicht).

Damit wird die Situation für alle Beteiligten im Straßenverkehr verbessert (Verkehrssicherungspflicht) und der Schutz von Mensch, Material und Ladung gesteigert (Schutzpflicht). Gerade spektakuläre Unfälle mit LKW-Beteiligungen (Unfallschwerpunkt Kamener Kreuz) zeigen, wie wichtig Schadenprävention im Straßenverkehr ist. Auch Berufskraftfahrer müssen für Arztbesuche, Vorsorgeuntersuchungen, Akutkrankheiten und Therapiemaßnahmen nicht nur im Rahmen von DocStop angemessen von ihren Arbeitgebern freigestellt werden.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »